Kein Wundermittel, aber mit Langzeitwirkung
Die Schulsozialarbeiterin an der IGS Halle wird gerufen, wenn es brennt. Doch lieber sorgt sie dafür, dass es gar nicht erst soweit kommt.

„Ist das ein Boot?“, fragt Lia (10 Jahre). „Das ist ein Stück von einem Boot, wir müssen es also zusammenfügen“, erklärt Vivienne (11 Jahre), bevor sie wieder in die Expertenrunde eilt, wo sie sich mit den anderen über das Gesamtprojekt austauscht. Die siebte Stunde hat bereits begonnen, die Sonne meint es gut und das Freibad lockt, aber die Schülerinnen und Schüler der 5d sind konzentriert bei der Sache. Für das Teamtraining bei Frau Uecker bleiben sie sogar eine Stunde länger in der Schule.

Ines Uecker ist Sozialarbeiterin vom Internationalen Bund und das Teamtraining mit der 5d ist eine ihrer Aufgaben an der Integrativen Gesamtschule Halle. Außerdem kümmert sie sich um Schüler, die abzurutschen drohen, besucht ihre Eltern und begleitet sie zu Ämtern. Wenn ein Kind überhaupt nichts mehr mit Schule anfangen kann, sucht sie alternative Beschulungsprojekte und unterstützt die anschließende Reintegration in die IGS. Lieber sorgt sie allerdings dafür, dass Schulunlust gar nicht erst entsteht. Dafür bietet sie Motivationstraining an, beteiligt sich an der Schulentwicklung und berät Lehrerinnen und Lehrer. Wenn die fünften Klassen neu in die IGS Halle kommen, hat sie Paten aus den achten Klassen für sie ausgebildet, um den Neuen Spaß an Schule, Ansprechpartner und ein Gefühl des Willkommenseins zu vermitteln. Nicht zuletzt gehört Netzwerkarbeit zu ihren Aufgaben. „Wir Schulsozialarbeiter in Halle treffen uns regelmäßig, außerdem stehe ich mit den Trägern in Kontakt, die Freizeitangebote in der Schule anbieten“, berichtet Ines Uecker. Unterstützt wird sie dabei von der Netzwerkstelle der Stadt Halle/Saale, der Villa Jühling. „Diese regionalen Netzwerkstellen sind einzigartig, so etwas gab es in der Schulsozialarbeit in Sachsen-Anhalt bislang nicht“, erklärt Sylvia Ruge, Leiterin der von der DKJS getragenen und landesweit agierenden Zentralen Koordinierungsstelle „Schulerfolg“ . Die Koordinierungsstelle und die regionalen Netzwerkstellen beraten nicht nur, sie helfen den Schulsozialarbeiter/innen auch dabei, Standards für ihre Arbeit zu entwickeln und ihr Wirken in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Uecker fühlt sich davon gut unterstützt: „Wir wollen ja deutlich machen, dass sich unsere Arbeit lohnt und dass es wichtig ist, dass sie weitergeführt wird“.
Auf Augenhöhe mit Lehrerinnen und Lehrern

2013 läuft das Programm „Schulerfolg sichern!“ aus, über das Ueckers Stelle mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds und vom Land Sachsen-Anhalt finanziert wird. „Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein“, seufzt Kathrin Michalke, Didaktische Leiterin und Mitglied der Schulleitung an der IGS Halle. Sie wünscht sich mehr Kontinuität in der Schulsozialarbeit. Sechs Jahre lang gab es keinen Sozialpädagogen an ihrer Schule. „Als wir davon hörten, dass ein neues Programm aufgelegt wird, hat unser Schulleiter sofort den Strohhalm ergriffen und mit dem Internationalen Bund und Frau Uecker ein Wahnsinns-Konzept geschrieben“, erinnert sie sich. Als die Stelle bewilligt wurde, waren die Erwartungen im Lehrerkollegium groß: „Einige Kollegen dachten, jetzt ist das Wundermittel gefunden und es wurden Probleme an Frau Uecker herangetragen, die nicht ihre Aufgabe waren“, schmunzelt Michalke. Mittlerweile ist die Zusammenarbeit geklärt. Die Kollegen wissen, was die Sozialarbeiterin kann und soll; sie schätzen ihre Arbeit und scheuen sich nicht, sie direkt anzusprechen, wenn sie Hilfe brauchen. Uecker nimmt an den Sitzungen der Jahrgangsteams teil und tauscht sich regelmäßig mit der didaktischen Leiterin über anstehende Projekte, Termine und Probleme aus. Dann wird auch besprochen, was gut lief und was weniger gut klappte.
Schulsozialarbeit passt nicht nur zum Ethos der Schule, die es als ihre Aufgabe sieht, fürs Leben zu bilden und Schlüsselkompetenzen wie Teamfähigkeit und Toleranz vermitteln will. Sie gewinnt auch an Notwendigkeit in einer Gesellschaft, in der sich immer mehr Eltern von ihrer Rolle überfordert fühlen. „Die meisten Schüler, die bei uns zu Schulverweigerern werden, haben Eltern, die die Probleme kaschiert und keine Hilfe gesucht haben“, berichtet Michalke. Sie sieht in gescheiterten familiären Beziehungen die Hauptursache für misslingenden Schulerfolg. „Die größte Schwierigkeit bei Schulversagen liegt darin, dass sie meist ein Symptom für familiäre Probleme und persönliche Sorgen ist“, ergänzt Uecker. Elternbesuche zu jeder Tageszeit gehören zu ihrem Arbeitsalltag. Dabei ist es ihr wichtig, Eltern nicht zu kritisieren, sondern gemeinsam zu schauen, wie sich die Probleme lösen lassen und wer was übernehmen kann. Michalke schätzt an der Sozialarbeiterin, dass sie unbefangener Zugang zu den Eltern findet, als es der Lehrerin möglich ist. Hinzu kommt ihre fachliche Ausbildung: „Sie hat eine größere Beratungskompetenz. Und sie hat Kontakte zum sozialen Dienst und zu freien Trägern, wo wir nicht den Überblick haben“, erkennt Michalke neidlos an. Respekt vor den Leistungen anderer Professionen und die Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist so selbstverständlich an der IGS Halle, dass es nur noch Besuchern auffällt.

Michalke lässt nicht unerwähnt, dass eine der Ursachen für fehlende Motivation auch in der Schule zu finden sind. Die IGS Halle bemüht sich stabile Vertrauensbeziehungen zwischen Lehrern und Schülern zu schaffen, indem zwei Klassenlehrer für eine Klasse zuständig sind und vom fünften bis neunten Schuljahr nicht wechseln. So lässt sich auch die Zusammenarbeit mit den Eltern kontinuierlicher gestalten. Die Klassenlehrer haben so viel Unterricht wie möglich in der Klasse. Mindestens sechs Stunden in der Woche arbeiten die Schüler auf unterschiedlichen Niveaustufen und mit verschiedenen Hilfsmitteln frei in ihren Kernfächern. „Für die Mehrheit der Schüler ist das freie Arbeiten eine Chance, weil man einen individuelleren Umgang finden kann und unterschiedliche soziale Formen wie Gruppenarbeit oder Partnerarbeit nutzbar sind“, ist Michalke überzeugt. Und was passiert, wenn Schüler auch diese Unterrichtsform verweigern? Die Verantwortung, bei Fehlstunden aktiv zu werden, liegt zuallererst bei den Lehrern. Die Sozialarbeiterin kommt ins Spiel, wenn das Gespräch zwischen Lehrern, Eltern und Schülern nicht fruchtet oder zu unlösbaren Konflikten führt.
Auch schnelle Hilfe braucht Zeit

In der 5d hatte es bereits einige Elterngespräche gegeben, als Ines Uecker mit dem Teamtraining begann. Die Klasse ist sehr heterogen, einige Kinder kommen aus schwierigen familiären Verhältnissen. Über ein Drittel hat Lernschwierigkeiten wie Dyskalkulie oder ADHS. „Früher gab es auch einen Zappelphilip oder einen Wiederholer in der Klasse, aber jetzt haben wir fünf, sechs ganz Leistungsschwache. Von 25 Kindern schaffen es 14, alle Bücher und Materialien mitzubringen, die sie für die Schule brauchen“, seufzt Kathrin Blanke, die zurzeit einzige Klassenlehrerin ist, weil ihre Kollegin langzeiterkrankt ist. „Meine Elterngespräche münden häufig in Sozialarbeit“, fügt sie hinzu. Dennoch bekam sie die Konflikte in ihrer Klasse nicht mehr in den Griff. Lärm und körperliche Auseinandersetzungen hatten das erträgliche Maß überschritten. Die Kinder kamen aggressiv und aufgelöst aus der Pause. Selbst wenn Lehrer im Raum waren und der Unterricht begann, köchelten die Streits weiter. Alle litten unter der Situation. Zur selben Zeit, als die Klassenlehrerin Frau Uecker ansprach, schrieb eine Schülerin, vielleicht war es auch ein Schüler, einen anonymen Brief an die Schulsozialarbeiterin und bat sie ebenfalls um Hilfe.

Ines Uecker half sofort, doch die Beteiligten merkten schnell, dass es kontinuierlicher Arbeit bedurfte, um etwas zu ändern. Nach den ersten zehn Stunden wurde das Teamtraining zum festen Bestandteil im Stundenplan, für den die Klassenlehrerin eine Mathematikstunde zur Verfügung stellt und die Schüler/innen eine Stunde Freizeit opfern. Auch wenn keiner richtig glücklich damit ist, dass das Teamtraining beginnt, wenn sich ein anstrengender Schultag dem Ende neigt, sind doch alle davon überzeugt, dass es positiv wirkt. Selbst die 12-jährige Aileen, die nach der 6. Stunde lieber nach Hause gehen würde, gefällt, dass sie dabei draußen spielen und immer etwas anderes machen. Dominik (11 Jahre) hat bemerkt: „Wir beleidigen uns nicht mehr so viel“. Paul (11 Jahre) fügt hinzu: „Wir verstehen uns besser“. Auch Kathrin Blanke sieht große Fortschritte in ihrer Klasse: „Die Konflikthäufigkeit und die Konflikttiefe haben abgenommen. Die Kinder holen sich schneller Hilfe, schreiten bei Streits auch selbst eher ein, kennen sich besser und nehmen sich eher als Gruppe wahr“. Letztens waren sie sogar im Kino. Frau Uecker hatte das Eintrittsgeld organisiert und Frau Blanke, die noch vor einem halben Jahr Panik bei der Aussicht bekommen hätte, mit dieser Klasse einen längeren Weg durch die Stadt zu bewältigen, stellte fest, dass das jetzt möglich ist. Im Kino reagierten einige Schüler sichtlich überwältigt auf den 3-D-Animationsfilm. So etwas hatten sie noch nie gesehen. „Logisch, die Kinder aus den Hartz-IV-Familien waren noch nie im Kino, die gehen auch nicht ins Schwimmbad“, war der Klassenlehrerin sofort klar. Nicht dem Arztsohn, der dafür nur Spott übrig hatte. Auch mit solchen Spannungen muss die Klasse umgehen.

Wenn sie im Teamtraining einander zuhören, in Kleingruppen etwas auf die Beine stellen oder versuchen, mit so vielen Kindern wie möglich auf einem Stuhl zu sitzen, lernen sie sich besser kennen, überwinden Berührungsängste und werden sensibler füreinander. Ihre Klassenlehrerin, die am Teamtraining stets teilnimmt, genießt den Luxus, sich zurückzunehmen und die Kinder außerhalb des Unterrichts kennen zu lernen. „Ich habe sonst nie die Chance, die mal in einer kleinen Gruppe zu betrachten. Man bekommt dadurch mit, wie die Kinder wirklich miteinander umgehen und natürlich finde ich dabei auch ganz neue Anknüpfungspunkte, die Kinder zu loben. Lob ist der Schlüssel zum Kind“, ist Blanke überzeugt. Auch die Schulsozialarbeiterin hat in der gemeinsamen Arbeit intensive Beziehungen zu den Kindern aufgebaut. Weil sie für die Schüler/innen keine Respektsperson ist, werden ihr Dinge anvertraut, von denen Lehrer nichts wissen sollen. „Die, die eine Sozialarbeiterin als Feuerwehr betrachten, hätten sicher gern schnellere Erfolge gesehen. Wer mich kennt, weiß, dass es Vertrauen und Zeit braucht für Erfolge und dass man auch Beziehungsarbeit machen muss“, erklärt Ines Uecker.
Noch in den Kinderschuhen steckt die Partizipation von Kinder und Eltern an der Schule. „Im Schülerrat bin ich nicht so weit, wie ich gern wäre“, räumt sie ein. Bei ihren Projekten beteiligt sie Schüler/innen gern. Wie zum Beispiel Ute aus der 10. Klasse, die heute beim Teamtraining mitgeholfen hat. Eine Mutter, die Sporttherapeutin ist, hat sie für Entspannungskurse gewinnen können. Ines Uecker ist überzeugt: „Es gibt hier so viele Professionen und Talente bei Schülern und Eltern, wir müssen sie nur nutzen!“
Text und Fotos: Christine Plaß



