Auf dem Weg in die Bildungslandschaft
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Bei der zweiten Fachkonferenz des Programms wurde diskutiert, was das Landes- und ESF-Programm „Schulerfolg sichern!“ bewirken kann

Es gibt Kinder, die haben es schwerer als andere. Sie leben in Orten, an denen niemand wohnen möchten. Sie haben Eltern, die von ihren Erziehungsaufgaben überfordert sind. Sie erfahren in ihrem Umfeld, dass sie nicht willkommen sind. Wer dem Netzwerkkoordinator Enrico Viohl zuhört, der versteht, dass es mehr und anderes als Nachhilfe braucht, wenn Kinder und Jugendliche in der Schule den Anschluss zu verlieren drohen.
Viohl ist einer von rund 250 Teilnehmern – Schulleiterinnen, Lehrern, Sozialpädagogen, Netzwerkkoordinatoren, Verantwortlichen aus Verwaltung, Wissenschaft, Kommunal- und Landespolitik – die aus allen Regionen des Landes zur zweiten Fachkonferenz des Programms „Schulerfolg sichern!“ gekommen sind.

Norbert Bischoff, Minister für Gesundheit und Soziales Sachsen-Anhalt, verspricht ihnen: „Wir müssen sehen, dass wir das Programm nach Auslaufen der EU-Förderung weiterentwickeln. Darauf freue ich mich“. Zuvor hatte Kultusministerin Birgitta Wolff ein Grußwort gesprochen. Die Anwesenheit der beiden Minister zeigt, die Bedeutung des Landesprogramms. In alle Regionen Sachsen-Anhalts fließen bis 2013 sechzig Millionen Euro aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) und Landesmitteln. Wer könnte besser erklären, warum Schulen heutzutage Bildungspartner brauchen, als der Mann, der sich selbst als Urgestein der Schulsozialarbeit bezeichnet? Wolfgang Kirst ist Schulleiter der Sekundarschule Burgbreite in Wernigerode. Seit 12 Jahren gehört die Schulsozialarbeiterin dort „unverzichtbar“ dazu. Kirst resümiert: „Beziehung kommt vor Erziehung ist Grundsatz einer erfolgreichen Schule“. Aus Erfahrung weiß er: „Wenn wir die Sozial- und Selbstkompetenzen stärken, bewirken wir eine Verbesserung der Lernkompetenz“.

Aber wie können außerschulische Bildungspartner und Schulsozialarbeiter auf den Lernerfolg einwirken? Thomas Olk, Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, bietet wissenschaftlich fundierte Leitgedanken: Am Anfang gilt es, die unterschiedlichen pädagogischen Perspektiven von Lehrer/-innen und Schulsozialpädgoginnen und -pädagogen zu klären sowie Schnittstellen zu definieren. Dann sollten Verantwortlichkeiten vereinbart und gegebenenfalls auch schriftlich festgehalten werden. In der Zusammenarbeit ist dann eine transparente Arbeitsweise die Voraussetzung für ein wachsendes Vertrauen zwischen den Bildungspartnern. Nicht zuletzt braucht es Ziele und Zeitpläne, die zu überprüfen sind. Des Weiteren betont Olk: „Es geht darum, dass Schule als System kooperiert und nicht einzelne Lehrer oder die Schulsozialarbeiterin“. Dazu gehört auch, dass die Schulen im Land sich neben der Jugendhilfe weiteren Partnern öffnen. Lernen findet zum Beispiel auch auf dem Sportplatz statt: „Es geht darum, lokale Kräfte zu bündeln, um kommunale Bildungslandschaften zu entwickeln.“

Von Bildungslandschaften ist in den Diskussionen um Schulentwicklung in den letzten Jahren immer wieder von die Rede. Aber was ist im Einzelnen darunter zu verstehen? In einem der anschließenden Workshops erläutert Roman Riedt von kobra.net (Kooperation in Brandenburg) die Gemeinsamkeiten von Bildungslandschaften. Im Zentrum stehen Schulen, die ihren Unterricht und ihre Lernangebote weiterentwickeln, indem sie mit Jugendhilfe, Vereinen und anderen Partnern kooperieren und sich mit ihrem Sozialraum vernetzen. Darüber hinaus werden diese Netzwerke durch kreis- oder stadtweite Bildungsvorhaben unterstützt und auf „breite Füße“ gestellt. Auf Landesebene kommen dann gesetzliche Regelungen und Förderprogramme zum Zuge, die Bildungslandschaften befördern. Dabei stellen strukturschwache Regionen eine besondere Herausforderung dar.

Daniela Groß aus dem Landkreis Stendal kann das bestätigen: „Auf dem Land sind die Entfernungen riesengroß. Es gibt tolle Angebote an den Schulen, aber was nützt es, wenn die Schüler von weit hergefahren werden müssen?“. Auch Groß ist eine der 15 Netzwerkkoordinator/-innen im Programm „Schulerfolg sichern!“. Gemeinsam mit anderen Akteuren im Landkreis Stendal entwickelt und verfolgt sie die Vision einer regionalen Bildungslandschaft. Dabei muss nicht jeder mit jedem zusammenarbeiten, Die Aufgabe von Frau Groß besteht auch darin, herauszufinden, welche Kooperationen nötig sind. „Man muss transparent sein“, ist sie überzeugt, „ich frage jeden, was kann ich für dich tun, was ist für dich interessant?“. So hat sie auf Wunsch von Schulen ein Projekt zur Gewaltprävention aufgebaut. Sie trug zusammen, was es im Landkreis schon gab, stellte den Kontakt zur Polizei her, beauftragte eine Expertin mit der Entwicklung eines maßgeschneiderten Konzepts, stattete die Schulen mit Arbeitsmaterialien aus und organsierte eine gemeinsame Lehrerfortbildung, die großen Anklang fand.

Anja Durdel, Programmleiterin in der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), beglückwünscht Sachsen-Anhalt zu „Schulerfolg sichern!“: „Die Themen die Sie bearbeiten, sind die Grundthemen der Schulentwicklung. Dieses Programm ist zeitgemäß und anspruchsvoll und das Beste, was es zur Zeit auf dem Markt gibt.“ Dafür nennt sie gleich mehrere Gründe: Das Programm setzt auf die interprofessionelle Kooperation und die sozialräumliche Vernetzung. Es geht von überprüfbaren Zielen aus: Die Quote Schulabgänger ohne Abschluss soll auf mindestens 8,6 Prozent gesenkt, die Quote der Jahrgangswiederholer halbiert werden. Als Mitarbeiterin einer deutschlandweit engagierten Stiftung weiß Durdel, dass es nicht selbstverständlich ist, wenn sich ein Bundesland überprüfbare Ziele setzt und konsequent in die Struktur seines Bildungssystems und in Fortbildung investiert. Dies wird auch in anderen Bundesländern mit Aufmerksamkeit verfolgt.

Die Leiterin der Zentralen Koordinierungsstelle (DKJS), Sylvia Ruge, zieht eine erste Bilanz: 208 Schulen wurden bereits erreicht, alle Schultypen sind darunter, die meisten sind Sekundarschulen. Gemeinsam mit den Ministerien und dem Schulverwaltungsamt entwickeln Ruge und ihr Team das Programm weiter, empfehlen die Bewilligung qualitativ guter Projekte, initiieren Fortbildungen, erarbeiten mit Akteuren landesweit einheitliche Arbeits- und Dokumentationsstandards, suchen die Zusammenarbeit mit schulischen Multiplikatoren und verbreiten anregende Beispiele.

Zum Abschluss sind die Akteure von Ort gefragt, ans Mikrofon zu treten, um zu sagen, was es mehr braucht in diesem Programm. Der Schulsozialarbeiter Roland Albrecht wünscht sich bessere Arbeitsbedingungen für sich und seine Kollegen. Er kritisiert die teilweise auf ein halbes Jahr befristeten Arbeitsverträge, die demotivierend wirkten und Kontinuität erschwerten. Die Schulsozialarbeiterin Nicole Bartel kritisiert den Personalschlüssel: Ein Sozialarbeiter für 220 Schüler könne nicht ansatzweise alle guten Anregungen umsetzen. Eine Schulleiterin sieht das Programm als große Chance, jetzt gemeinsam mit zwei Professionen Schulentwicklungsprozesse in Gang zu setzen. Roman Riedt rät aufgrund seiner Erfahrungen aus Brandenburg, die Kommunen mit ins Boot zu nehmen, damit die politisch Verantwortlichen nach dem Auslaufen der ESF-Mittel ein Interesse daran haben, das Programm aus eigenen Mitteln weiterzuführen. Radikalkritik am Schulsystem äußert der Diplompsychologe und Reformpädagoge Otto Herz: „Wir sondern die Schüler von Klein auf aus und dann wird ein Heftpflaster darauf geklebt namens Schulsozialarbeiter. Das funktioniert nicht! Wie soll ein einziger Schulsozialarbeiter das Klima an Schulen verändern?“ Energisch widerspricht Prof. Marianne Hortkemper, die mit Herz schon seit 40 Jahren über diese Frage diskutiert. Sie sagt: „Die Art, wie in Sachsen-Anhalt Schulsozialarbeit betrieben wird, empfinde ich nicht als Heftpflaster!“. Sicher ist: Es liegt nicht nur an jedem einzelnen, was das Programm bewirken wird, sondern am konstruktiven Zusammenspiel der Akteure in Schule, Kommune, Landkreis und Land. Der Anfang ist gemacht.
Text: Christine Plaß
Fotos: Christine Plaß & Karin Guhlemann



