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Im Gespräch mit Prof. Dr. Karsten Speck: Ein Außenblick auf Schulerfolg sichern

Prof. Dr. Karsten Speck

Auf dem Fachtag der Liga der freien Wohlfahrtspflege Sachsen-Anhalt e.V. am 15. März 2018 gab Prof. Dr. Karsten Speck von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg eine Einschätzung zu den aktuellen Rahmenbedingungen im Programm Schulerfolg sichern. Vor dem Hintergrund, dass die Vorbereitungen für die neue Förderrunde 2018-2020 laufen, haben wir nochmal nachgehakt: 

Herr Prof. Dr. Speck, Sie begleiten das Programm Schulerfolg sichern seit 1998, also seit mittlerweile 20 Jahren. Was haben Sie in dieser Zeit wachsen sehen? Was macht Schulerfolg sichern aus Ihrer Perspektive aus?

Ich war in der Tat zusammen mit Prof. Dr. Thomas Olk, Prof. Dr. Gustav Bathke und Thomas Stimpel verantwortlich für die wissenschaftliche Begleitung des Programms zwischen 1998 und 2003 sowie für die anschließende Förderphase. Das Programm Schulerfolg sichern zeichnet sich meines Erachtens durch die partnerschaftliche Kooperation zwischen Schulen und Jugendhilfe und einen ganzheitlichen Bildungs- und Vernetzungsansatz aus. Von Beginn an gab es klare Zielvorgaben und eindeutige Qualitätsmaßstäbe für die kooperative Zusammenarbeit. Über die Jahre hat Schulsozialarbeit einen hohen Professionalisierungsgrad in ihrer sozialräumlichen und landesweiten Vernetzung erreicht. 400 qualifizierte sozialpädagogische Fachkräfte sind zu 100% bei freien und öffentlichen Trägern der Kinder- und Jugendhilfe angestellt und in den Schulen unerlässliche und fest integrierte Kooperationspartnerinnen und -partner geworden. Mittlerweile ist es auch gelungen, ihre anspruchsvolle Arbeit mit TV-L 10 angemessen zu bezahlen. 

Besonders ist auch, dass das Programm von vier starken Partnern begleitet wird: die landesweite Koordinierungsstelle, getragen durch die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung und die Liga der freien Wohlfahrtspflege Sachsen-Anhalt e.V. sowie das Ministerium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt und das Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration. Zudem sichern vierzehn regionale Netzwerkstellen die Qualität und fachliche Weiterentwicklung der Kooperationen vor Ort – eine bundesweit einmalige Aufstellung. 

Vielen Dank für Ihre positive Einschätzung. Wir wollen auch die Herausforderungen im Programm betrachten: Wo sehen Sie Schwächen? Was ist noch ausbaufähig? 

Eine Schwachstelle im Programm sehe ich – bei aller gegebenen Vorsicht aufgrund meines Außenblicks – darin, dass der Fokus nach wie vor sehr stark auf den Themen Schulabbruch und -versagen liegt – trotz der inhaltlichen Erweiterung, die 2015 im Zuge der wissenschaftlichen Begleitung stattfand. Es steht außer Frage, dass die Themen Schulabbruch und -versagen bildungspolitisch und handlungspraktisch relevant waren und sind. Dennoch muss klar sein, dass Schulsozialarbeit nicht ausschließlich an Brennpunktschulen oder bei Verhaltensauffälligkeiten zum Einsatz kommt und sich ausschließlich um die Förderung von Schulleistungen und -abschlüssen bemüht. Schulsozialarbeit zielt darauf ab, junge Menschen in ihrer individuellen, sozialen, schulischen und beruflichen Entwicklung zu fördern, dazu beizutragen, Bildungsbenachteiligungen zu vermeiden und abzubauen, Erziehungsberechtigte und Lehrkräfte bei der Erziehung und dem erzieherischen Kinder- und Jugendschutz zu beraten und zu unterstützen sowie zu einer schülerfreundlichen Umwelt beizutragen. Wichtig ist dabei, dass Schulen und Jugendhilfe ein gemeinsames Bildungsverständnis definieren und ihren jeweiligen Auftrag schärfen. Wir benötigen zudem Schulentwicklungsprozesse.

Für die nachhaltige Verankerung der aufgebauten Strukturen an den Schulen, in den Regionen und landesweit fehlt meines Erachtens nach die konzeptionelle Gesamtrahmung. Es greift zu kurz, nur die innerschulische Zusammenarbeit konzeptionell zu fassen. Notwendig ist vielmehr ein landesweites Konzept zur Kooperation von Schulen und Jugendhilfe (mit den jeweiligen Teilbereichen, Definitionen und Zuständigkeiten), das multiprofessionelle Beratungs- und Unterstützungssysteme mitdenkt. Angesichts der zahlreichen sozial- und bildungspolitischen Herausforderungen in Sachsen-Anhalt sind die Abstimmung und Prioritätensetzung zwischen Jugendhilfe und Schulen unerlässlich.

Dies führt unmittelbar zu meinem nächsten Kritikpunkt: Es muss – so zumindest mein vorsichtiger Blick von außen - noch systematischer gelingen, eine ressortübergreifende Steuerung und die Kommunikation zwischen Land und Kommunen zu ermöglichen. Bislang sind die Kooperationsstrukturen meiner Einschätzung nach nicht hinreichend gesichert, was Verhandlungen auf Landes- und auf kommunaler Ebene erschwert. Auffällig in Sachsen-Anhalt erscheint zudem ein hoher Verwaltungsaufwand für alle beteiligten Akteure im Zuge der ESF-Förderung. Die vielen Verweise zur Beantragung, zum Monitoring oder zum Datenschutz sind nur einige Beispiele. Generell ist die ESF-Förderung und Befristung des Programms risikoreich, wenn für die beteiligten Schulen, Träger und Fachkräfte keine gesicherte Weiterführungskonzeption besteht. Hieran muss meines Erachtens sehr zügig gearbeitet werden, wenn ein Verlust der Erfahrungen, Kompetenzen und aufgebauten Strukturen – wie bei dem Landesprogramm von 1998-2003 – vermieden werden soll.

Zu meinem Bedauern ist es bisher auch nicht gelungen, unser Angebot einer wissenschaftlichen Begleitung während des gesamten Programms sicherzustellen und auf die bestehenden Fachkenntnisse, Forschungserfahrungen und Erhebungsinstrumente zurückzugreifen. Dies wäre für fundierte, längsschnittliche Aussagen zur Implementierung und Weiterentwicklung des Programms hilfreich.

Danke auch für die kritische Einschätzung. Das Programm läuft noch weitere zwei Jahre, bis zum 31. Juli 2020. Was geben Sie allen Beteiligten mit auf den Weg?

Für die Zukunft des Programms - insbesondere auch nach Auslaufen der ESF-Förderung - ist es wichtig und notwendig, dass sehr schnell ein Weiterführungskonzept zwischen den beteiligten Ministerien und den kommunalen Spitzenverbänden entwickelt wird. Nur in Kooperation zwischen der Landes- und Kommunalebene ist es möglich, ein tragfähiges Gesamtkonzept zu entwickeln, die Zuständigkeiten zu klären und Verhandlungen über geeignete Finanzierungsmodelle zu führen. Von einer weiteren ESF-Förderung rate ich dringend ab, da hier im günstigsten Falle wiederum nur eine befristete Finanzierung möglich ist.

Für die Weichenstellung in den nächsten zwei Jahren wünsche ich Ihnen viel Erfolg: Überlegen Sie, was Sie jeweils für die Fortführung tun können und tun Sie es, jetzt! 

Vielen Dank für das Gespräch und die wichtigen Anregungen.