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Vom Zuhören und Dazugehören

Veranstaltungsteilnehmer in Gesprächssituation
Foto: © DKJS/Gunnar Marquardt

„Eigentlich möchte ich dazugehören…“ – so lautete der Titel des Fachtags und im Fokus standen Kinder und Jugendliche, für die der Weg zur Schule keine Selbstverständlichkeit darstellt und die die Unterstützung verschiedener Fachkräfte benötigen. Über 140 Fachkräfte aus Schule, Jugendhilfe, Kommune und Politik kamen am 15. Mai in Schönebeck zusammen, um sich über Ursachen von Schulabsentismus, Lösungsstrategien und Hilfsangebote zu auszutauschen. Dabei nahm der Veranstaltungstag für die zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen eher unerwarteten Verlauf. Denn nach der offiziellen Begrüßung durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der landesweiten Koordinierungsstelle Schulerfolg sichern sollten die pädagogischen Fachkräfte in einem App-Quiz Fragen rund um das Thema Schulabsentismus beantworten.

Die Live-Auswertung der Ergebnisse der gesammelten Antworten sorgte gleichermaßen für Staunen und Überraschungen beim Publikum und bildete gleichzeitig einen spannenden Start für den Vortrag von Dr. Michael Kroll. Der Chefarzt und Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Stadtroda betrachtete in seinem Vortrag Ursachen von Schulabsentismus, die ebenso vielschichtig wie komplex sind. Föderalistische Strukturen im Bildungswesen, Unzulänglichkeiten in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte, familiäre und individuelle Problemlagen, Suchtproblematiken und gesamtgesellschaftliche Ängste („German Angst“), sah Kroll als Faktoren, die Schulabsentismus befördern können. Wichtig war dabei aus Sicht von Kroll, dass eine Verbesserung der Situation nur durch ganzheitliches Denken und Handeln bewirkt werden kann. Denn wie er mehrfach unterstrich: Schulabsentismus hat nicht nur EINE Ursache und demzufolge existiert auch nicht nur EINE Lösung des Problems.

Nach einer Fragerunde zum Vortrag wurde der Blick in die Regionen gerichtet und auch hier zeigte sich, dass die Problemlagen und Bedürfnisse hinsichtlich Schulabsentismus und dessen Verringerung sich durchaus unterschiedlich darstellen. Im Anschluss an diesen Veranstaltungsteil konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich in Themenforen vertiefend mit Schulabsentismus auseinandersetzen.

Schritt für Schritt
Unter diesem Titel stellte der Schulpsychologe Klaus Seifried vor allem die psychischen Wirkfaktoren bei Schulabsentismus heraus. Um sich diese Einflüsse besser vergegenwärtigen zu können, sollten sich die Forumsteilnehmenden zu Beginn in ihre eigene Schulzeit zurückversetzen, gab es auch für sie schwierige Zeiten in der Schule? Wenn ja, wo lagen die Ursachen dafür? Auffallend war, dass die genannten Probleme vielfach denen entsprachen, die Schülerinnen und Schüler in der Gegenwart anführen. Seifried referierte über Ursachen von Schulabsentismus und erläuterte anhand von Fallbeispielen Wege zur Lösung. Er betonte dabei die dringende Notwendigkeit, Schulabsentismus vorzubeugen, da es sich hierbei nicht nur um ein schulisches Problem handelt. Vielmehr folgten darauf häufig auch Armut, beruflicher Misserfolg, Delinquenz oder psychische Erkrankungen.

Nicht nur Blaulicht
Vielfalt und Vernetzung als Basis für effektive Hilfe zu verankern, war eine weitere Zielsetzung des Fachtages. Und so wurden auch Hilfsangebote der örtlichen Polizei vorgestellt. Diana Dickes, Regionalbereichsbeamtin aus Halle stellte aus erster Hand die zahlreichen Unterstützungsleistungen der Polizei wie Verhaltensprävention, Elterngespräche/Elternabende oder Aufklärung von Straftaten vor. Insbesondere die enge Kooperation mit der Schulsozialarbeit sei ein wesentlicher Baustein, um Schülerinnen und Schüler langfristig in Schule zu bringen und zu halten.

Bunte Hilfe
Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen und Volker Knopf vom Bunten Werkstattprojekt in Magdeburg informierte über außerschulische Angebote, um junge Menschen wieder zum Lernen und für Schule zu motivieren.  Knopf stellte das Projekt „Werk-statt-Schule“ vor, das mit einer Laufzeit von 1-2 Jahren das Ziel hat, junge Schulverweigerinnen und Schulverweigerer bei der Erfüllung/ dem Erreichen der Schulpflicht bzw. des Hauptschulabschlusses zu unterstützen. Im Kern stand dabei die Erkenntnis, dass Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nur dann neu gefördert werden kann, wenn Schülerinnen und Schüler aber auch Sorgeberechtigte lernen, wieder neu mit Wertschätzung umzugehen. Das braucht viel Zeit und ebenso viele Gespräche. Dinge, die zu investieren sich lohnt.

Vernetzt erfolgreich
Wie kann die gemeinsame Arbeit im Sozialraum konkret aussehen, wenn Kinder der Schule fernbleiben? Auf diese Frage antwortete Stefan Eiternick, Schulsozialarbeiter an der Ganztagssekundarschule Campus Technicus in Bernburg. Eiternick sieht dabei den Aspekt der Vernetzung als wesentlichen Hebel um Schulabsentismus zu begegnen. Anhand von Praxisbeispielen erläuterte der Schulsozialarbeiter in welcher Form Akteure anzusprechen und wie Aufgaben idealerweise zu verteilen und zu schultern sind.

Dass gute Zusammenarbeit, die Situation für schulabsente Schülerinnen und Schüler verbessert, betonte auch Winfried Müller, Schulsozialarbeiter an der Sekundarschule Johann Christian Reil in Halle. Mit der Vorstellung von alltagspraktischen Situationen und Problemstellungen unterstrich er gleichsam, dass ganzheitliches Denken sowie Kooperation aller Beteiligten wesentliche Pfeiler sind, um Kindern und Jugendlichen „Brücken zu bauen“.

Bei dieser Brückenbildung können auch Kommunen eine (ge)wichtige Rolle spielen. Welche Möglichkeiten diese zur Verfügung haben, Kinder und Jugendliche neu für Schule zu begeistern, ein gelingendes Ankommen zu ermöglichen und welche Herausforderungen sich dabei stellen, darüber informierten Dr. Ulrike Bergmann und Andreas Uiffinger vom Schulverwaltungs- und Kulturamt Stendal. Ausführlich stellten beide dabei auch formalrechtliche Grundlagen vor, um auf etwaige Problemstellungen beim Entwerfen eigener Handlungspläne hinzuweisen.

Vom Wort zur Tat
Aufbauend auf den Inhalten der Foren und eigenen Ideen, gestalteten die Teilnehmenden Lösungsansätze oder bereichsübergreifende Handlungsvereinbarungen, die sie in den kommenden Wochen umsetzen wollen. Gerade dieser kooperative Ansatz wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern als besonders wichtig wahrgenommen, wie sich auch an den folgenden Aussagen ablesen lässt:

„Schülerinnen und Schüler brauchen Anerkennung für die erbrachten Leistungen in der Schule. Sie brauchen einen strukturierten Alltag mit Ressourcen für ihre Bildung. Sie brauchen Menschen, die sich für ihre Erlebnisse und Sorgen interessieren und sie brauchen eine wohlwollende Führung und Notfalls etwas Kontrolle und Konsequenz. Um das alles zu verwirklichen zu können, braucht es ein breites und engagiertes Netzwerk vor Ort.“ (Stefan Eiternick, Schulsozialarbeiter Ganztagssekundarschule Campus Technicus Bernburg)

„Ich bin sehr begeistert von der Veranstaltung und den Strukturen zum Thema Schulabsentismus, die es in Sachsen-Anhalt gibt. In Sachsen ist Schulabsentismus leider noch immer ein Tabuthema. Es gibt kein Netzwerk zwischen den Bildungsakteuren und auch keine Zahlen, die aussagen, wie viele Kinder und Jugendliche der Schule fernbleiben. Was ich vom Fachtag für meine Arbeit mitnehme? Es braucht eine Kooperation von Schule und Jugendhilfe – auch in Sachsen!“  (Van-Anh Nguyen Thi, Sachbearbeiterin Bildungsmanagement Landratsamt Zwickau)

„Bildung geschieht nicht nur in der Schule. Bildung findet auch in außerschulischen Angeboten statt. Wir sind nicht geschaffen, um zu funktionieren. Ich bin davon überzeugt, dass die Bedürfnisse von Jugendlichen ähnliche sind wie unsere. Jeder möchte geliebt werden und dazugehören. Ich denke, Schulverweigerung und Schulversagen ist nicht als Endprodukt zu betrachten. Es kann nur eine Phase sein. Im Leben von Kindern und Jugendlichen kann es ein Stoppschild sein, an dem sie kurz halten müssen, sich sammeln und umschauen. Und dann geht es weiter.“ (Leonard Dölle, Leiter der Schulwerkstatt Jugend- und Familienzentrum Sankt Georgen e.V. Halle (Saale)

Rundschau für neue Perspektiven
Für die Besucherinnen und Besucher bot der landesweite Fachtag nicht nur die Möglichkeit neue Einblicke in das komplexe Thema Schulabsentismus zu gewinnen. Vielfach konnten auf der Veranstaltung Beziehungen zwischen den verschiedenen Akteuren geknüpft und gestärkt werden, denn eines steht fest: Schulabsentismus ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung und für Kinder und Jugendliche führt der Weg zurück zur Schule vor allem über Verständnis und fachübergreifende Kooperation.