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#hingucker – Schulsozialarbeit in Zeiten von Corona

Illustration einer Person, die fotografiert
Bild: DKJS/Sandra Bach

Knapp ein Jahr ist es her, dass die Schulen im Land aufgrund der angespannten Pandemie-Lage schließen mussten. Fortan verlagert sich Schule in den digitalen Bereich, Kommunikation und Begegnungen werden indirekter – Home Schooling. Es braucht Ideen, um schulseitig die Bindungen zu Kindern und Jugendlichen aufrecht zu erhalten und zu stärken. Vorübergehend soll das alles sein, gewiss. Doch ein Jahr später, nach einer Phase der Wiedereröffnung folgt eine Phase der Wiederschließung und wiederum sind gute Einfälle und Zusammenarbeit gefragt, um Kinder und Jugendliche bestmöglich im digitalen Schullalltag zu begleiten.

Auch an der Gemeinschaftsschule „Heinrich Heine“ in Halle (Saale) müssen sich die beiden Schulsozialarbeiter:innen Kathleen Henschke und Christian Kamalla (Internationaler Bund – IB Mitte) neuen Herausforderungen in ihrem Feld stellen. Mit Blick auf die Situation jetzt und damals stellt Christian Kamalla fest: „Schon im ersten Lockdown zeigte sich, dass die aufsuchende Schulsozialarbeit eine große Rolle einnimmt. Während es aber im ersten Lockdown noch eine kürzere Phase des Distanzunterrichts gab, zeigte sich bereits zu Beginn des zweiten Lockdowns, dass die Digitalisierung der Schulen und Elternhäuser eine große Rolle für ein funktionierendes Homeschooling einnehmen sollte.“

Einen Schritt voraus
Die Erfahrungen aus dem ersten Lockdown bilden für die Handhabung des zweiten eine wertvolle Basis. So werden Infoschreiben für die Familien erstellt, welche u.a. einen Leitfaden für einen strukturierten Tagesablauf für die Schüler:innen beinhalten. Ebenso finden sich dort Adressen und Telefonnummern verschiedener Beratungsstellen, um eine unkomplizierte Kontaktaufnahme zu ermöglichen. Zu guter Letzt stehen in dem Elternbrief auch noch einige Tipps für die Freizeitgestaltung geschrieben, „in der Hoffnung, dass Homeschooling und Konsole zocken nicht die einzigen Beschäftigungen sein werden“, wie Christian Kamalla sagt.

Damit möglichst viele Menschen informiert sind, steht der Elternbrief mit dem Hinweis, dass die Schulsozialarbeit auch im Lockdown für die Sorgeberechtigten und Schüler:innen zu erreichen ist, mitsamt Kontaktdaten auf der Homepage und auf der Schul-App der Gemeinschaftsschule „Heinrich Heine“. Die frühzeitige Planung von Schule und Schulleitung nimmt dem zweiten Lockdown auch in anderer Hinsicht die Wucht. So gab es vor dem Hintergrund von Distanzunterricht und Kontaktpflege mehrere Schulungen für Lehrer:innen und darauf folgend für Schüler:innen im Umgang mit der Lernplattform Microsoft Education. Parallel dazu wurden Fragebögen an die Elternhäuser geschickt, welche den Bedarf an Endgeräten und das Vorhandensein des Internets klären sollten.

Auf Basis dieser Bedarfsermittlung kann die Schule 120 neue Laptops und mehrere gebrauchte Schullaptops an Familien verteilen, die den Distanzunterricht erst möglich machen. Dadurch entstehen freie Kapazitäten. Zum einen erleichtert die Lernplattform die Kontaktaufnahme zu Schüler:innen und deren Sorgeberechtigten. Zum anderen können Familien, die nach Rückmeldung der Lehrkräfte schlecht erreichbar sind oder bei denen die versandten Arbeitsmaterialien nicht ankamen, gezielt zu Hause aufgesucht und bestehende Problemlagen geklärt werden.

Basteltüten to go
Die Schulsozialarbeiter:innen der Heinrich-Heine-Schule setzen sich neben der Betreuung einiger Familien und der Unterstützung für Lehrer:innen aber auch noch weitere Ziele: trotz Lockdown und Distanzunterricht mit den Kindern und Jugendlichen in regelmäßigem Austausch zu sein. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die „Basteltüten to go”. Nachdem sich der Wunsch zu diesem Projekt im Kollegium verfestigte und erste Ideen zum Inhalt der Tütchen auftaten, geht es im Januar 2021 an die Planung. Die Schulsozialarbeiter:innen bestellen die ersten Materialen und gehen hiernach in den Selbstversuch über. Christian Kamalla erinnert sich: „Wir probierten alle Bastelideen aus, um am Ende eine altersentsprechende Bastelanleitung aufsetzen zu können. Bastelideen waren u.a. Traumfänger, Schlüsselanhänger, Bienenwachstücher, Vogelhäuser, dazu passende Meisenknödel, Kresse-Eier, Bügelperlen, selbst zusammengestellte Rätselheftchen u.v.m.“

Auf diese Weise sollen sich die Kinder und Jugendlichen mit verschiedenen Naturmaterialien, Stoffen und Verarbeitungstechniken auseinandersetzen. Wie gelangen nun aber die Basteltüten zu den Schüler:innen? Ganz einfach, in einer Box am Schulzaun können sie sich jeden Tag neue Basteltüten abholen und sich immer wieder neu ausprobieren. Schulsozialarbeiterin Kathleen Henschke sieht nicht nur in der Abwechslung zum digitalen Schulalltag einen Vorteil, sondern gleichsam darin, dass dies auch ein klares Signal für die Kinder und Jugendlichen ist, „dass die Schulsozialarbeit jederzeit vor Ort und ansprechbar ist.“ Getragen wird dies auch durch die Lernplattform, durch die alle in regelmäßigem Austausch sind. Kurze Texte und Bilder weisen jeden Tag auf kommende Bastelideen hin. Ergebnisse werden mit Fotos präsentiert und diese dann kommentiert.

Die Basteltüten sind ein Erfolg, was sich auch an zahlreichen Rückmeldungen ablesen lässt. „Das Feedback der Eltern und der Kinder ist großartig! Über die Lernplattform, aber auch über die Schul-App, Instagram und Facebook, bekommen wir viele positive Rückmeldungen. Die, auf diesen Seiten präsentierten, Bilder zu den jeweiligen Bastelideen sorgen für große Aufmerksamkeit in der Schüler- und Elternschaft und in unserem Kollegium“, berichten die beiden Schulsozialarbeiter:innen.

Es bleibt herausfordernd
Trotz der gelungen Ideen, der tragenden Strukturen und der vielfach geleisteten Arbeit aller Beteiligten wird Kathleen Henschke nachdenklich, wenn es um die allgemeine Schulsituation geht: „Neben den Erfolgen, die unsere veränderte bzw. angepasste Schulsozialarbeit mit sich bringt, zeigt sich aber auch, dass nichts den Präsenzunterricht ersetzen kann.“ Von diesem Wegfall sind manche stärker betroffen als andere, wie die Schulsozialarbeiterin unterstreicht: „Leider müssen wir immer wieder feststellen, dass Kinder trotz Hausbesuchen und unzähliger Versuche der Kontaktaufnahme für uns und die Lehrer:innen nicht zu erreichen sind. Neben fehlenden Schularbeiten scheinen einige Eltern und Kinder ganz von der Bildfläche zu verschwinden.“

Gegen das Verschwinden und für gelingende Bildungsbiografien wird man an der Gemeinschaftsschule „Heinrich Heine“ weiter arbeiten. Mit Ideen, Vielfalt und Ausdauer. So wie an vielen anderen Schulen im Land, von denen die nächsten #hingucker berichten sollen.