unterstützt und gefördert durch:
REACT-EU: Als Teil der Reaktion der Union auf die COVID-19-Pandemie finanziert

Schlaglicht Netzwerkstelle Saalekreis

Illustration einer Ansammlung von Häusern. Auf ein Haus, vor dem Menschen stehen, ist ein Scheinwerfer gerichtet.
Bild: DKJS/Sandruschka

Was genau sind die spezifischen Bedarfe und Besonderheiten im Saalekreis? Wie reagiert Ihr als Netzwerkstelle (NWST) darauf?
Konkrete Bedarfe für den großen Flächenlandkreis zusammen zu fassen, ist schwierig. Denn da liegt auch schon die Besonderheit: Akteur:innen in den größeren Städten wie Merseburg, Bad Dürrenberg oder Querfurt stehen vor ganz anderen strukturellen und teils auch inhaltlichen Herausforderungen als Kooperationspartner:innen im ländlichen Raum wie Teutschental, Ostrau oder Höhnstedt.

Uns kommt in unserer täglichen Arbeit jedoch zugute, dass wir kontinuierlich seit 12 Jahren eine feste Größe im Schulerfolgs-Netzwerk des Saalekreises sind und man uns einfach kennt bzw. das wir „alle“ kennen. Mit unserem Sitz in Merseburg haben wir darüber hinaus im wörtlichen Sinn kurze Wege zu sämtlichen Ämtern und Angeboten, da von hier aus alle pädagogischen Angebote im Saalekreis koordiniert werden.

Wir sind in vielfältigen Gremien und Arbeitskreisen aktiv, wie beispielsweise der „AG Anti-Mobbing“ des Präventionsteams des Jugendamtes Saalekreis oder dem „Koordinierungskreis Suchtprävention“ der Fachstelle für Suchtprävention im Saalekreis. Dadurch sind über die Jahre stabile und verlässliche Kontakte entstanden und gewachsen und wir können auf externe Anfragen flexibel und zeitnah reagieren.

Eine kleine Herausforderung stellt allerdings auch heute immer noch der ehemalige „Saalkreis“, also der nördliche Saalekreis dar. Unser Landkreis umschließt die Stadt Halle und viele Außenstellen von Beratungsangeboten etc. konzentrieren sich auf den südlichen Saalekreis. Der nördliche Saalekreis ist daher meist darauf angewiesen, Unterstützungsangebote in Halle aufzusuchen. Durch unseren engen Kontakt zur regionalen Netzwerkstelle für Schulerfolg in Halle und den Trägern der Schulsozialarbeit, die in ihren weiteren Angeboten breit aufgestellt sind, können wir aber auch bei Anliegen aus dem Norden meist schnell und qualifiziert weiterhelfen.

Welche Besonderheiten bringt Euer Träger mit ins Programm? Welche Unterstützung oder spezifische Expertise kommt hierbei zum Tragen?
Der AWO Regionalverband Halle-Merseburg e. V. ist der größte Träger von Beratungsangeboten im Bereich Kinder- und Jugendhilfe im Saalekreis und hat im gesamten Landkreis Angebote. Dadurch haben wir natürlich enge Kontakte zu und regelmäßigen Austausch mit den hausinternen Einrichtungen wie z. B. der Jugend- und Familienberatung, der Schwangerschafts- und Suchtberatung sowie der Suchtprävention. Zudem verfügt unser Träger über ein zertifiziertes Qualitätsmanagement, was interne Abläufe übersichtlich und reibungslos gestaltet.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit in der Region – auf steuernder Ebene (Kommune) und pädagogischer Ebene (Träger, Schulen, Schulsozialarbeit)?
Auf kommunaler Ebene hat sich ein produktives Miteinander über die Jahre eingespielt. Wir können uns mit unseren Anliegen genauso jederzeit an die Kolleg:innen aus Ämtern und Verwaltung wenden, wie es auch andersherum möglich ist und praktiziert wird. Schulen, Träger und Jugendhilfe allgemein sowie Schulsozialarbeitende im Besonderen nutzen unsere Expertise und konkrete Angebote seit langem selbstmotiviert und zielgerichtet. Das zeigt sich z. B. in den regelmäßigen Anfragen zu unseren Praxistagen zur Übergangsgestaltung an Schulen oder Nachfragen zu Beratungs-, Projekt- und Unterstützungsangeboten. Andersherum können wir uns jederzeit beispielsweise auf die Schulsozialarbeitenden im Landkreis verlassen, wenn es um fachlichen Austausch oder Beteiligung an Arbeitskreisen oder Projekten geht.

An welchen Themen arbeitet Ihr (innerhalb des Programms?) Könnt Ihr ein herausragendes Vorhaben vorstellen, insbesondere hinsichtlich der Aspekte Vernetzung, Verstetigung, Digitalisierung oder Qualifizierung?
Alle Themen aus den Bereichen a bis f aus der Richtlinie aufzuzählen, die wir bearbeiten, wäre an dieser Stelle müßig und vor allem unübersichtlich. Darum beschränken wir uns auf zwei aktuelle Highlights: die Überarbeitung des „Handlungsleitfaden zum Umgang mit Kindeswohlgefährdung an Schulen im Saalekreis“ und unsere „Schülerrats-Workshops“. 

Bei dem erstgenannten handelt es sich um einen Ordner, der im Jahr 2013 von uns als Netzwerkstelle in Kooperation mit der damaligen Koordinatorin für Kinderschutz des Saalekreises erstellt und an alle Schulen des Landkreises verteilt wurde, inklusive Anlagen wie Verlaufsprotokoll, Meldebogen etc. Im Jahr 2017 wurde der Ordner u. a. mithilfe von Schulleitungen überarbeitet und aktualisiert. Im Jahr 2021 sind wir nun in der 3. „Reform“ des Ordners, wieder in Kooperation mit der Fachstelle „Kinderschutz und frühe Hilfen“. Als Endprodukt soll diesmal ein neues, kleines, schlankes Manual herauskommen, welches man beispielsweise als Lehrkraft an einer Schule, an der keine Schulsozialarbeit installiert ist, im akuten Verdachtsfall einer Kindeswohlgefährdung einfach aufschlagen kann und innerhalb von 5min weiß, wann – wer – wie auf welchem Weg und über welches Formular und welche Nummer zu informieren ist. Der Original-Ordner verliert dadurch natürlich nicht an Gültigkeit, sondern dient als vertiefende Ergänzung und zur detaillierten Auseinandersetzung mit dem Thema.

Unser zweites Highlight, die Schülerräte, ist uns besonders wichtig, da es ebenfalls ein „Bestandsprojekt“ in Neuauflage ist, welches im Jahr 2017 seinen Ursprung hat und bereits im Herbst 2020 stattfinden sollte. Pandemiebedingt musste es jedoch seinerzeit verschoben werden. In Kooperation mit der Freiwilligen-Agentur organisieren und koordinieren wir an interessierten Schulen die Qualifizierung der Schülerräte. Moderationstechniken, Teambildungsmethoden und Projektplanung sind dabei mögliche Themen, die von den Schüler:innen zusammen mit den Teamern bearbeitet werden können.

Welche Veränderungen habt Ihr durch Eure Arbeit wahrgenommen (gerne anhand eines konkreten Beispiels oder eines Prozesses), z.B. in Bezug auf die pädagogische Praxis?
Gute Frage! Wir maßen uns tatsächlich an zu glauben, durch unsere regelmäßigen Angebote in Form von Praxistagen, Vernetzungstreffen von Schule und Jugendhilfe, professionsübergreifende Fortbildungsformate etc. den Großteil der Schulen im Landkreis „geöffnet“ zu haben. Wir merken, dass unsere Angebote (z. B. die Möglichkeit zur Beantragung von BBAs) ganz anders wahr- und angenommen werden. Wie oft uns Schulen ohne Schulsozialarbeit heute zur Projektförderung im Rahmen von BBAs oder Praxistagen anfragen, hätten wir uns z. B. im Jahr 2013 noch nicht träumen lassen. 

Dadurch haben sich, unserer Ansicht nach, auch spürbar die Arbeitsbedingungen für die Schulsozialarbeitenden im Landkreis verbessert. Der Stellenwert von Schulsozialarbeit und die Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams sind heute wesentlich höher als noch vor 10 Jahren. Und die Wertschätzung der einzelnen Professionen untereinander hat eine andere Qualität. Das merken wir vor allem in unseren Fortbildungen, in denen Lehrkräfte, Schulleitungen, Schulsozialarbeitende und Elementarpädagog:innen mit dem gleichen Bewusstsein für eine Thematik wie z. B. sexualisierte Gewalt sitzen, auf Augenhöhe miteinander diskutieren und über Möglichkeiten der Vernetzung und künftige gemeinsame Projekte beraten.

Haben sich in der Zeit der Pandemie bei Euch Abläufe, Zielsetzungen und Strukturen verändert, die Ihr auch „nach Corona“ beibehalten werdet?
An den Zielsetzungen hat die Pandemie tatsächlich wenig verändert, lediglich das „wie“ musste neu und teilweise sehr kreativ gedacht werden. Dazu haben auch wir uns natürlich digitaler Tools bedient und z. B. noch mehr Informationen per Mail im Netzwerk gestreut als vorher. Bedingt dadurch, dass man sich lange Zeit eben nicht mehr jeden Tag physisch und in kompletter Besetzung sehen konnte, haben wir auch intern festgestellt und wertschätzen gelernt, wie wichtig standardisierte Abläufe sind, an denen man sich orientieren und lang-hangeln kann.

Und wir haben die Möglichkeit des digitalen Austauschs via Videokonferenz zu schätzen gelernt. Nicht nur dass es ressourcenschonender auf allen Ebenen ist (außer vielleicht Strom;), man ist dadurch auch noch wesentlich flexibler, vor allem was die Zusammenkunft in Arbeitskreisen oder spontane Absprachen mit externen Kooperationspartner:innen betrifft, die nicht nur telefonisch bewältigt werden können. Das werden wir definitiv auch künftig weiterhin dort, wo es möglich ist, beibehalten.

Außerdem haben wir die Zeit genutzt, um uns mit digitalen Umfrage- und Anmelde-Tools zu beschäftigen, um damit ein bisschen näher ans papierlose Büro heranzukommen – definitiv auch etwas, das wir beibehalten und ausbauen möchten.

Welches sind die drei wesentlichen „lessons learned“, die Ihr im Rückblick – z.B. das vergangene Jahr – auf die Tätigkeit der NWST ziehen könnt?

  1. Kommunikation ist alles – team- und trägerintern wie auch nach außen.
  2. Alles braucht seine Zeit und am meisten alles was neu ist (wie z. B. digitale Angebotsformate).
  3. Vernetzung ist alles – besonders in den härteren Lockdown-Zeiten waren kurze Wege und das Wissen um Zuständig- und Verantwortlichkeiten im Landkreis Gold wert. 

Welches sind die Ziele, die Ihr Euch als NWST bis 2022 gesetzt habt?
In der Politik ist es zwar seit längerem verpönt zu sagen „Weiter so!“, aber wir fühlen uns damit recht wohl. Denn unsere Angebote und Formate haben sich nun einmal bewährt, wie z. B. die Fachtage für die Schulsozialarbeitenden, die nach wie vor sehr gut besucht sind. Es mangelt uns auch nicht an immer wieder neuen wie auch altbewährten Projekten und Kooperationspartner:innen, die sich in dem Rahmen den Kolleg:innen aus der Schulsozialarbeit vorstellen und in fachlichen Austausch treten können und wollen.

Auch was den Bereich Fortbildung betrifft sind wir einigermaßen stolz darauf, mittlerweile über einen großen Pool an hochqualifizierten Referierenden zu verfügen, deren Angebotsspektrum wir nicht einmal ansatzweise ausschöpfen können. Was wir stärker in den Blick nehmen wollen, sind Schulen, die keine:n Schulsozialarbeiter:in haben. Hier haben wir z. B. vor kurzem die Möglichkeit genutzt, unser Angebot noch einmal in einer Schulleitungs-Dienstberatung vorzustellen. Außerdem sind wir intern gerade dabei, ein Konzept zur Beratung und Prozessbegleitung für Schulen ohne Schulsozialarbeit zu erarbeiten.

Hinweis: Sie interessieren sich für weitere Schlaglichter? Zum vorgehenden Schlaglicht geht es hier entlang.