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Sekundarschule Heinrich Heine: Eine Schule erfindet sich neu

Erfolgsgeschichte - Eine Schule erfindet sich neu

Mandy Rauchfuß glücklich zu machen, ist einfach. Man muss nur etwas tun, für das sie einen loben kann. „Ich liebe es zu loben“, schwärmt die Schulleiterin der Heinrich-Heine-Sekundarschule in Halle-Neustadt, „jemanden zu loben, ist wunderschön.“

Mit ihrer wertschätzenden Art, dem verschmitzten Blick und dem frechen, rauen Lachen hat die 54-Jährige die Offene Ganztagsschule in den vergangenen zwei Jahren zu einem Ort des Aufbruchs und des Ausprobierens gemacht. Mehr noch: die Heinrich-Heine-Schule ist dabei, sich neu zu erfinden. „Frau Rauchfuß hat die Schule mit neuem Leben gefüllt“, sagt die 16-jährige Sarah, die dem Schülerrat vorsitzt.

Paradoxerweise zeigt sich das neue Leben in dem vierstöckigen Gebäude in einer großen Ruhe. Kein lautes Wort dringt während des Unterrichts aus den Klassenzimmern in die hellen, sauberen Schulflure und auch auf dem Schulhof wirken die Schülerinnen und Schüler entspannt. Ebenso wie die Lehrerinnen und Lehrer, die etwas abseits auf einer Bank sitzen, die Sonne genießen, sich über einen Schüler austauschen und rauchen. Auch das Lehrerzimmer – wo neben dem obligatorischen Fächerschrank, fünf trapezförmige, lilafarbene Tische, ein rotes Ledersofa, ein moderner Kopierer und ein Kaffeeautomat stehen – betritt fast jeder mit einem Gruß und einem Lächeln.

In dieser freundlich-konzentrierten Atmosphäre sind innerhalb kürzester Zeit unzählige Ideen entstanden. So gibt es einen „Song der Woche“, den die Schülerinnen und Schüler wählen, einen neu hinzu gepachteten Schulgarten, außerschulische Konzerte, ein von Schülerinnen und Schülern produziertes Image-Video, freies WLAN und eine Schul-App, die Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern mit allem versorgt, was wichtig ist. Außerdem hat die Schule den Schulbeginn und den Stundenrhythmus geändert. Statt wie früher um halb acht geht es jetzt zehn Minuten später los, in der 5. Stunde liegen die AGs und jeder Tag beginnt mit einer Doppelstunde

Die positiven Effekte der neuen Rhythmisierung sind so groß, dass sich selbst anfängliche Kritiker in Fans gewandelt haben. „Ich kann mich viel besser konzentrieren und muss Gruppenarbeit nicht mehr abbrechen“, sagt Heidrun Weyrauch, die Deutsch und Englisch unterrichtet und ihre ursprünglich skeptische Haltung nach zwei Wochen revidierte. Holm-Michael Krex freut sich, dass die Schülerinnen und Schüler im doppelstündigen Technik-Unterricht ihre Werkstücke fertig bekommen und er die Pausen den Arbeitsschritten anpassen kann. Auch seine Computerclub-AG hat gewonnen. „Die angemeldeten Schüler kommen jetzt auch.“

Für den 46-jährigen Mathematik- und Geografielehrer ist das ein großer Gewinn, denn: „Wir identifizieren uns mit unserer Arbeit ja auch.“ Die Lehrerinnen und Lehrer schätzen deshalb auch sehr, dass die Schulleitung dafür kämpft, dass sie ausschließlich an der Heinrich-Heine-Schule unterrichten. Wie wichtig das ist, zeigt sich an Torsten Hinze. Der 53-Jährige Musiklehrer und Computer-Administrator nimmt zusätzlich zu seinem Unterricht Schul-CDs auf, begleitet die Schulband, bereitet Konzerte vor und bietet sechs AGs an, darunter auch Gitarren- und Klavierunterricht. Mehr als hundert Schülerinnen und Schüler sind so zur Musik gekommen. Auch die Schul-App ist made by Torsten Hinze.

Eine andere wichtige Neuerung betrifft den Umgang mit Fehlern. Sie gelten als normal und können auch der Schulleitung passieren. Diese Haltung hat dazu geführt, dass das Kollegium die neuen Freiheiten auch wirklich nutzt und zuversichtlich auf die nächste große Veränderung blickt: Lehrerinnen und Lehrer sollen regelmäßig gegenseitig hospitieren, um gemeinsam das Methodenspektrum zu erweitern und den Umgang mit ihren Schülerinnen und Schülern zu reflektieren.

Das ist auch deshalb wichtig, weil die Schülerzahl in den vergangenen zwei Jahren rasant gestiegen ist – von 230 auf 600. Nachdem die Heinrich-Heine-Schule im vergangenen Schuljahr jede Gelegenheit zum öffentlichen Auftritt genutzt hat, melden sogar Eltern aus der Innenstadt ihre Kinder an. Dass Halle-Neustadt mit seinen entmieteten grauen Plattenbauten und gesichtslosen Einkaufszentren als sozialer Brennpunkt gilt, ist in den Hintergrund gerückt. Auf Facebook hat die Heinrich-Heine-Schule 1040 Likes – so viele, wie sonst keine Haller Schule. Und nach dem letzten Schulfest registrierte Torsten Hinze sensationelle 18.000 Aufrufe.

Außerdem sind 120 Flüchtlingskinder zur Heinrich-Heine-Schule gestoßen. Ein internationales Team aus sieben Lehrkräften, darunter auch ein paar Quereinsteiger, unterrichtet die Mädchen und Jungen in Start-, Alphabetisierungs- und Fortgeschrittenen-Klassen. Wer sprachlich fit genug ist, wechselt in die Regelklasse. Auch hier lässt sie Schulleitung viele Freiheiten. „Die Haltung ist: Wir müssen gute Lösungen finden“, sagt die 29-jährige Deutsch- und Englisch-Lehrerin Judith Bülz, die das DAZ-Team leitet und vom Gymnasium abgeordnet ist.

Eine solche Lösung kann manchmal auch Strenge sein. Abfällige Bemerkungen über Mitschülerinnen und Lehrerinnen sanktioniert die Schule sofort. Die damit verbundene Klarheit hat sich bewährt. Gleichzeitig beziehen die Lehrerinnen und Lehrer die Flüchtlingskinder bewusst in den Unterricht ein. „Wir behandeln viel mehr aktuelle Themen, wie Syrien und fremdenfeindliche Anschläge“, sagt Sarah vom Schülerrat. Auf diese Weise klappt die Integration gut: „Wir sind eine moderne Schule. Da wird nicht getrennt.“

Auch die Eltern stehen den neuen Mitschülerinnen und Mitschülern mehrheitlich wohlwollend gegenüber. „Und wenn es Probleme gibt, weiß die Schule damit umzugehen“, sagt Elternvertreterin Anja Meyer, deren Tochter die sechste Klasse besucht. Auch sie selbst fühlt sich von der Schule angenommen. Die Lehrerinnen und Lehrer geben Telefonnummern raus und über die Schul-App erfahren die Eltern alles Wichtige. Bei einem Unterrichtsausfall erscheint sogar ein Ausrufezeichen auf dem Handy. „Die Schule denkt Elternsorgen mit und erleichtert die Organisation“, sagt Anja Meyer, die allein erzieht.

Auch der neue Schulsozialarbeiter Christian Kamalla ist jederzeit für die Eltern erreichbar. Genauso wie für die Schülerinnen und Schüler und die Lehrkräfte. Der 33-Jährige war bis zu seinem Studium der Sozialen Arbeit Innenverteidiger beim Halleschen FC. Eine Position, die er auf die Schulsozialarbeit übertragen hat. Auch hier hat er alles im Blick, um vorausschauend und wirkungsvoll reagieren zu können. Ihn in einer freien Minute zu erwischen ist daher schwierig. Mal sitzt ein besorgt blickender Vater in seinem Büro, dann bespricht er sich mit der Schulleitung. Außerdem nimmt er an Klassenkonferenzen und Dienstberatungen teil, hospitiert im Unterricht, begleitet Klassenausflüge und Klassenfahrten und kümmert sich darum, wenn Schülerinnen und Schüler Probleme haben und nicht zum Unterricht erscheinen. „Ich habe alle dabei“, sagt er, „und es funktioniert gut“.

Auch seine AGs sind Erfolge und wie die Lehrerinnen und Lehrer probiert auch Christian Kamalla immer wieder Neues neben seiner Fußball-AG aus. Zuletzt war es „Jugger“, ein Mannschaftsspiel, bei dem die Spieler mit gepolsterten Stangen, Schildern und Ketten ausgestattet sind. Es sieht rüde aus, doch Fairplay steht ganz oben. Dazu kommen AGs in den Ferien. In einem sozialen Brennpunkt, wo sich längst nicht alle Eltern einen Urlaub leisten können und wo Zuhause manchmal der Halt fehlt, sei das ein wichtiges Angebot, sagt Mandy Rauchfuß, die die Schulsozialarbeit auch sonst sehr schätzt. „Schule ist gut, wenn man sich in ihr geborgen fühlt.“

Sie selbst zieht aus dieser Geborgenheit einen großen Teil der Kraft für ihre Arbeit. Damit die Ideen weiter sprudeln und umgesetzt werden können, lässt sie den Fachschaften große Freiräume und akquiriert unermüdlich Geld für eine noch bessere Technik und weitere Projekte. Ihr großes Ziel ist es, die Heinrich-Heine-Schule in den nächsten Jahren auch für die Nachbarschaft zu öffnen. Die Anwohner sollen Weihnachtskonzerte, Theaterstücke und ein Literaturcafé besuchen können. Und sie sollen im Schulgarten feiern. „Man muss den Menschen vertrauen und ihnen etwas zutrauen – das ist das A und O.“

 

Text: Beate Krol

Fotos: M. Altmann / DKJS