Ausgangslage und Akteurinnen
An der Förderschule Lindenschule im Landkreis Jerichower Land besuchen Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren den Unterricht. Die Schule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung arbeitet mit einer Klientel, die durch hohe soziale, familiäre und individuelle Belastungen geprägt ist. Ein großer Teil der Schülerinnen und Schüler ist im Jugendhilfesystem angebunden, viele Elternhäuser gelten als bildungsfern und haben selbst belastende Erfahrungen mit Schule gemacht.
Mit der Besetzung der Schulleitungsstelle durch Julia Geistlinger sowie dem erstmaligen Einsatz von Schulsozialarbeit durch Julia Glende (Cornelius-Werk, Diakonische Hilfen) begann ein grundlegender Entwicklungsprozess. Die Zusammenarbeit zwischen Schulleitung und Schulsozialarbeit besteht zum Zeitpunkt des nachfolgenden Praxisporträts seit rund elf Monaten.
Das Praxisporträt entstand auf Basis eines ausführlichen Interviews mit beiden Akteurinnen. Es zeigt, wie multiprofessionelle Zusammenarbeit unter Aufbau- und Neustartbedingungen gestaltet wird. Ziel ist es, Praktikerinnen und Praktikern Orientierung und konkrete Anregungen für die eigene multiprofessionelle Arbeit zu geben.
1. Zusammenarbeit entwickeln – Kennenlernen, Rollenklärung und gemeinsame Orientierung
Die Zusammenarbeit zwischen Schulleitung und Schulsozialarbeit ist von Beginn an als gemeinsamer Entwicklungsprozess angelegt. Beide Akteurinnen betonen, dass Zusammenarbeit nicht automatisch entsteht, sondern Zeit, Offenheit und bewusste Klärung benötigt.
Ein wichtiger Startpunkt war das mehrtägige Begegnungsforum der Koordinierungsstelle Schulerfolg sichern, dass beide früh gemeinsam besuchten. „Das war gut, um überhaupt erst mal ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln“, beschreibt Julia Geistlinger.
Julia Glende ergänzt: „Man lernt sich nicht nur persönlich kennen, sondern bekommt auch einen Rahmen: Was ist Schulsozialarbeit, was ist Aufgabe der Schulleitung – und wo treffen wir uns?“
Trotz dieses gemeinsamen Einstiegs befindet sich die Zusammenarbeit weiterhin im Aufbau. „Ich glaub, das ist immer noch im Kennenlernen, ist alles noch Honeymoon“, sagt Geistlinger offen. Diese Einschätzung macht deutlich, dass Vertrauen, Rollenverständnis und gemeinsame Routinen nicht abgeschlossen, sondern kontinuierlich weiterzuentwickeln sind.
Ziel ist es, Schulsozialarbeit nicht nur reaktiv einzusetzen. „Wir versuchen gerade, die Kollegen dazu zu kriegen, Schulsozialarbeit nicht nur als Brandlöscher zu nutzen“, so Geistlinger, „sondern wirklich auch als Anbieter für bestimmte Themen.“
Hinweis für die Praxis:
initiiert gemeinsame Startformate, ermöglicht ehrliche Standortbestimmungen und lasst Entwicklungsphasen zu. Gerade in neuen Konstellationen braucht Zusammenarbeit Zeit, um Schritt für Schritt eine tragfähige Grundlage zu entwickeln.
2. Leitungshandeln in multiprofessionellen Settings – Klarheit schaffen, Rückhalt geben
Der Führungsstil der Schulleitung ist ein zentraler Faktor für die Entwicklung der Zusammenarbeit. Julia Geistlinger versteht ihre Rolle als strukturgebend und ermöglichend, nicht als hierarchisch steuernd. „Es geht nicht darum, wer Alpha ist“, betont sie. „Mir ist wichtig, dass jede ihre Professionalität einbringt.“
Für die Schulsozialarbeit bedeutet das klare Rückendeckung – insbesondere in der Abgrenzung von Rollen. Julia Glende unterstreicht, wie wichtig diese Klärung gerade zu Beginn ist: „Es ist entscheidend, dass dem Kollegium von Anfang an deutlich gemacht wird, wofür Schulsozialarbeit da ist – und wofür nicht. In der ersten Dienstberatung hatten wir dafür Raum. Das war wichtig, um meine Rolle zu erklären. Gerade beim Einstieg in eine neue Stelle braucht es diese Klarheit.“
Diese Klarheit wird von der Schulleitung aktiv gegenüber dem Kollegium vertreten. Gleichzeitig sieht Julia Geistlinger ihre Aufgabe darin, Lehrkräfte zu stärken und mitzunehmen: „Meine Arbeit ist es, die Lehrkräfte davon zu überzeugen, dass bestimmte Hilfen auch wirklich Sinn machen.“
Hinweis für die Praxis:
Schaffen Sie als Schulleitung Orientierung durch einen klaren, unterstützenden Führungsstil. Rückendeckung für Schulsozialarbeit ist Voraussetzung dafür, dass diese ihre fachliche Rolle wirksam ausfüllen kann.
3. Interdisziplinäre Gespräche als zentrales Format
Ein Kernstück der multiprofessionellen Zusammenarbeit sind die interdisziplinären Gespräche. Sie dienen der gemeinsamen Bearbeitung komplexer Fälle und der Klärung von Zuständigkeiten. „Diese interdisziplinären Gespräche sind wirklich ein Schwerpunkt unserer Arbeit, bei denen wir immer mal wieder alle an den Tisch holen.“, betont Geistlinger. Je nach Bedarf nehmen Schulleitung, Schulsozialarbeit, Lehrkräfte sowie externe Träger und Ämter teil.
Auch wenn nicht für alle Fälle sofort Lösungen gefunden werden, bleibt die Verantwortung geteilt. Gerade bei älteren Schülerinnen und Schülern mit psychischen Belastungen stoßen Hilfesysteme an Grenzen. „Man kann es immer wieder anbieten“, sagt Glende, „aber manchmal kommt man einfach nicht weiter.“ Umso wichtiger ist es, dass Schule den Kontakt hält und Fälle nicht aus dem Blick verliert. „Alle Vierteljahr kommt so ein Fall wieder auf den Tisch“, erklärt sie. Die Gespräche dienen damit nicht nur der akuten Problemlösung, sondern auch der kontinuierlichen Verantwortungssicherung. Dieses System übernimmt hier eine haltende Funktion: beobachten, nachjustieren, erneut einladen und gemeinsam prüfen, welche nächsten Schritte möglich sind.
Hinweis für die Praxis:
Nutzt interdisziplinäre Gespräche nicht nur als Kriseninstrument, sondern als Struktur zur gemeinsamen Verantwortungssicherung. Gerade in Aufbauphasen helfen wiederkehrende Fallrunden, dranzubleiben – und eröffnen oft neue Handlungsspielräume, auch wenn sich Lösungen erst schrittweise entwickeln.
4. Schulvermeidung und flexible Lösungswege
Ein zentrales Arbeitsfeld und zugleich häufiger Anlass interdisziplinärer Gespräche ist der Umgang mit Schulvermeidung und auffälligem Absentismus. Hierdurch konnten Fälle sichtbar gemacht werden, die zuvor kaum bearbeitet wurden. „Die liefen unterm Radar“, beschreibt Julia Geistlinger rückblickend. „Die haben wir erst mal alle wieder hochgeholt und bearbeitet.“
Für ältere Schülerinnen und Schüler wurden gemeinsam mit externen Trägern alternative Wege entwickelt. „Wir haben Lösungen gefunden“, so Geistlinger, „zum Beispiel über Langzeitpraktika, um den Druck aus den Familien zu nehmen.“ Statt auf formale Anwesenheit zu bestehen, wird in diesen Situationen flexibler gedacht und auf realistische Entwicklungsschritte der jungen Menschen angepasst. Julia Glende verweist dabei insbesondere auf „Projekte anderer Jugendhilfeträger, bei denen gezielt Werkstattformate für schulabsente Jugendliche umgesetzt werden.“
Bei jüngeren Kindern liegt der Schwerpunkt stärker auf intensiver Elternarbeit. „Viele Eltern setzen eine schützende Glocke über ihr Kind und sagen: Schule ist ein schlechter Ort“, beschreibt Geistlinger. Häufig liegen diesen Haltungen eigene negative Schulerfahrungen zugrunde. Durch wiederkehrende Gespräche, klare Einladungen und gemeinsame Lösungsansätze gelang es, Vertrauen aufzubauen. Eltern nahmen wieder Kontakt auf, Kinder kamen regelmäßiger zur Schule und so Geistlinger sind „jetzt mitunter auch regelmäßig wirklich da“.
Beide Akteurinnen betonen dabei realistisch: „Man wird nie alle greifen.“ Dennoch zeigt sich Wirkung der gemeinsamen Arbeit: „Ich glaube, wir haben schon viel bewegt“, resümiert Geistlinger.
Wir bedanken uns bei Julia Glende und Julia Geistlinger für das offene Gespräch am 15.12.2025 und die Einblicke in die Aufbauarbeit multiprofessioneller Zusammenarbeit an der Förderschule „Lindenschule“.
Mit herzlichen Grüßen
Landesweite Koordinierungsstelle Schulerfolg sichern