Unter dem Titel „Wenn Kinderarmut erwachsen wird ...“ stellt die aktuelle Langzeitstudie der AWO die Folgen von Armut im Lebensverlauf von Kindern und Jugendlichen vor. Mit der Studie soll die fachliche Weiterentwicklung der Praxis Sozialer Arbeit mit (armen) Kindern und Jugendlichen, die Qualifizierung der Verbandsarbeit und Einflussnahme auf die Fach- und Sozialpolitik gestärkt werden. Im Zentrum der Studie stehen die jungen Menschen selbst und die Fragen, wie das Aufwachsen in Armut ihr Leben in verschiedenen Phasen ihres Lebens prägt, welche Handlungs- und Bewältigungsmöglichkeiten sich trotz Armut finden lassen und wie sich ihre Perspektiven im weiteren Lebensverlauf entwickeln.
Eckdaten der Studie
Die Studie, die – laut Angaben – als bislang einzige in Deutschland die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen der Einkommensarmut von Familien und den Lebenslagen der Kinder an kritischen Übergängen bis zum jungen Erwachsenenalter empirisch untersucht, ist über fünf Phasen hinweg auf einen Untersuchungszeitraum von 23 Jahren (1997-2020) angelegt. Beginnend in Kindertagesstätten wurden über weitere Stadien insbesondere Übergänge in den Fokus genommen, die spezifische Anforderungen in der jeweiligen Altersphase stellen: die Übergänge von der Kita in die Grundschule, von der Grundschule in die Sekundarstufe I, von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II oder Ausbildung oder Studium und schließlich ins Berufsleben.
Zwei Fragen waren im Rahmen der Studie fundamental. Zum einen die Frage „Was kommt unter Armutsbedingungen beim Kind an?“ Hierfür wurden Grundbedingungen eines „kindgerechten“, mehrdimensionalen Armutsbegriffs formuliert. So müssen etwa die spezielle Lebenssituation der untersuchten Altersgruppe, die jeweils anstehenden Entwicklungen, aber auch die subjektive Wahrnehmung berücksichtigt werden. Weiterhin spielen der familiäre Zusammenhang und die Gesamtsituation des Haushalts eine gewichtige Rolle, da Kinder und Jugendliche in ihren Lebensbedingungen stark von der Lebenslage der Sorgeberechtigten abhängig sind. Den Ausgangspunkt – um von Armut zu sprechen und deren Folgen für Kinder und Jugendliche zu untersuchen – bildet die materielle Mangellage der Familie. Eine rein einkommensbezogene Armutsdefinition würde die Lebenswelt der jungen Menschen zudem nur unzureichend widerspiegeln, sodass auch Aspekte einzubeziehen sind, die etwas über Entwicklung und Teilhabechancen aussagen (z. B. Mitgliedschaft in einem Verein, Nutzung von kind-/jugendspezifischen Angeboten). Zum anderen wurde die Frage gestellt, wie sich der Lebensverlauf der armen im Vergleich zu nicht-armen jungen Menschen gestaltet und welche Perspektiven sich wem eröffnen.
Abschließend ist die Lebensverlaufsperspektive hervorzuheben, die unterschiedliche Bedürfnisse und zu bewältigende Entwicklungsaufgaben der jeweiligen Altersphasen berücksichtigt.
Die Ergebnisse
Vielfach deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Armut oder wiederholte Armutserfahrungen oft langwierige Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben, die bis ins Erwachsenenalter reichen. Im Vergleich zu ihren ökonomisch besser gestellten Gleichaltrigen verfügen arme junge Erwachsene über niedrigere Bildungsabschlüsse, halb so häufig über eine berufliche Ausbildung und dreimal so selten über einen Studienabschluss. Auffallend dabei: insbesondere junge Erwachsene, denen der Übergang auf den Arbeitsmarkt noch nicht gelungen ist, befinden sich oft in einer Verkettung von Problemlagen, die häufig bereits zu Beginn der weiterführenden Schule starten und durch entsprechende soziale Unterstützungsnetzwerke nicht aufgefangen werden (können).
Weiterhin verfügen arme junge Erwachsene deutlich weniger über Ersparnisse und Rücklagen, verzichten häufiger auf Urlaub und berichten häufiger über Einschränkungen im Bereich der Mobilität. Schwerwiegend beeinflusst Armut auch die gesundheitliche Situation. Gerade die psychische Gesundheit der armen jungen Erwachsenen ist deutlich schlechter; bei ihnen kumulieren zahlreiche Gesundheitsrisiken. Im Ganzen wirkt sich Armut negativ auf alle Dimensionen der Lebenslage aus, besonders aber in den materiellen und gesundheitlichen Lebenslagendimensionen hat sie negative Folgen.
Unterstützung als Schlüssel
Angesichts der multiplen Spätfolgen sind vor allem das Erkennen von Bedarfen und Anbieten von Unterstützung für von Armut betroffene Kinder und Jugendliche entscheidend. Kritisch hinsichtlich der Langzeitperspektiven ist vor allem das Alter zwischen 10 und 14 Jahren, denn hier ergeben sich die stärksten Unterschiede nach erlebter bzw. nicht erlebter Armutserfahrung. Diese Zeit wird von Betroffenen häufig als schwierig beschrieben. Sie berichten u.a. von sozialem Ausschluss und Diskriminierung.
Da speziell in dieser Phase die jungen Erwachsenen mit Armutserfahrung in ihrem Leben signifikant weniger Unterstützung durch ihre Familie erfahren haben als Befragte ohne Armutserfahrung, rücken niedrigschwellige Hilfsangebote in den Fokus. Diese Angebote, die an Institutionen des zweiten Bildungswegs verankert sind, – wie etwa die Schulsozialarbeit – werden als hilfreich hervorgehoben. Schlüssel derartiger Unterstützungsangebote sind Vertrauen, positive Bindung, ganzheitliche Beratung und die Wertschätzung der jungen Menschen in all ihren verschiedenen Eigenschaften. Dadurch geförderte Selbstakzeptanz und Selbstwirksamkeit sind treibende Kräfte für Kinder und Jugendliche. Denn wie der Bericht deutlich hervorhebt: Werden Armutsfolgen spätestens in der Jugend positiv bewältigt, besteht eine gute Chance, im jungen Erwachsenenalter nicht von Armut betroffen zu sein. Dann sind die Überzeugungen der jungen Erwachsenen, aktuelle und zukünftige Herausforderungen aus eigener Kraft bewältigen können, am stärksten ausgeprägt.
Weitere Informationen zum Bericht finden Sie hier.
