Eine neue Stadt entsteht – gestaltet und regiert von rund 100 Kindern im Alter von 8 bis 12 Jahren. Willkommen in Börderado, der Kinderstadt im Burggarten der Grundschule Ummendorf.
Was wie ein Freizeitspaß aussieht, ist zugleich ein pädagogisch durchdachter Erfahrungsraum, der Demokratiebildung, Eigenverantwortung und soziales Lernen ermöglicht – und dabei jede Menge Freude bereitet. Börderado zeigt eindrucksvoll, wie Kinder lernen, Gesellschaft aktiv mitzugestalten – und wie Erwachsene Räume öffnen, statt Vorgaben zu machen.
Ein Tag in Börderado
Schon beim Betreten des Geländes spürt man: Das hier ist eine kleine Welt für sich. An einem zentralen „Arbeitsamt“ hängt eine übergroße Stellwand, darauf Dutzende bunte Karten, die jeweils einen Beruf oder ein Tätigkeitsfeld zeigen: Bäckerei, Schreinerei, Nachrichtenagentur, Zirkus, Kerzengießerei, Astronautenausbildung. Daneben Stände wie Café oder Blumenladen. Wer arbeiten möchte, sucht sich hier einen Job.
Kinder, die als Stadtführer:innen arbeiten, empfangen Besuchsgruppen und zeigen stolz, wie „ihre Stadt“ funktioniert. Im Nebenjob ist einer der Guides übrigens Anwalt bei der neu eingerichteten Gerichtsstelle. Denn in Börderado gibt es auch ein Justizsystem – keine Idee der Erwachsenen, sondern eine Forderung der Kinder selbst. „Wir wollten, dass es Regeln gibt. Und wer sich nicht daranhält, soll halt vor Gericht! Also haben wir jetzt ein Gericht“, erzählt der amtierende Bürgermeister, gewählt mit absoluter Mehrheit am ersten Tag von Börderado.
Ein Fall aus der Praxis: Ein Kind ist verdächtigt worden, einige Börderados – die eigene Währung der Kinderstadt – von einem der Stände gestohlen zu haben. Der Fall kommt vor das eigens eingerichtete Gericht. Der Beschuldigte gesteht die Tat und soll für kurze Zeit in das provisorisch eingerichtete Gefängnis. Hier schaltet sich die Gleichstellungsbeauftragte (ebenfalls eine junge Teilnehmerin) ein und setzt sich dafür ein, dass Strafen nicht ausgrenzend, sondern gemeinschaftsfördernd sein sollen – die Lösung: Sozialstunden. Müll einsammeln für die Gemeinschaft. Restlos fair.
Demokratie lebendig machen – ganz natürlich
Kinder wählen ihre Stadtleitung selbst. Sie führen Gespräche, starten Wahlkampagnen und gestalten gemeinsam Regeln für das Zusammenleben. Debattiert wurde dieses Jahr etwa, ob das tägliche Arbeitszeitlimit erhöht werden darf – denn viele Kinder berichten von echten Bewerbungsgesprächen, sogar „Überstunden“ und einem Gefühl von Vollbeschäftigung. Trotz der theoretischen Möglichkeit, „Bürgergeld“ zu beantragen, ist der Arbeitswille groß – der Wunsch, gebraucht zu sein und sichtbar zu wirken, überwiegt.
Ein weiteres Beispiel für die politische Selbstorganisation der Kinder: Am dritten Tag veranstalteten sie eine friedliche Demonstration für Kinderrechte. Transparente wurden gebastelt, Parolen geprobt, eine Abschlusskundgebung gehalten. Alles selbst initiiert – begleitet durch pädagogische Fachkräfte, moderiert und ermöglicht, nicht gesteuert. Das Fundament ist Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder – und in das eigene Team. Die begleitenden Pädagog:innen stellen nicht Anleitungen, sondern Fragen. Sie schaffen Räume, in denen Kinder sich ausprobieren, ihre Grenzen aushandeln und sich gegenseitig ernst nehmen.
„Was hier passiert ist gelebte Identifikation. Jeder bringt sich ein und hat für sich eine sinnvolle Aufgabe gefunden.“ So bringt es die Schulsozialarbeiterin Stefanie Brüggemann auf den Punkt. Denn Börderado lebt nicht nur von Konzepten, sondern vor allem vom gemeinsamen Tun. Und das wird getragen von einem bemerkenswert gut funktionierenden Team aus zehn Schulsozialarbeiterinnen unterschiedlicher Schulen, pädagogischen Mitarbeitenden und Jugendclubmitarbeitenden aus der Region. Früh am Morgen organisieren die Fachkräfte Abläufe, begleiten die Kinder, helfen beim Jobboard, unterstützen Gruppen, lösen Konflikte und sind gleichzeitig Ansprechperson, Spielleitung, Coach und Mensch.
Ein starkes Team im Hintergrund
Dass dies so gut funktioniert, ist kein Zufall: Im Vorfeld hat die Arbeitsgruppe gemeinsam mit der Netzwerkstelle „Schulerfolg sichern“ – in Trägerschaft des Kreisverbands der Arbeiterwohlfahrt Börde – eine Vielzahl externer Partner und Helfer gewonnen. Dahinter stecken viel Planungszeit, sinnvolles Abwägen und der gemeinsame Wille, den Kindern diese intensive Erfahrung zu ermöglichen. „Wir können das nur gemeinsam, jeder investiert sehr viel, aber das ist es definitiv wert!“, sagt Birka Hübener von der Netzwerkstelle.
Während sich die Erwachsenen für Partizipation oft durch Begriffe und Konzepte ringen, leben Kinder in Börderado längst vor, worauf es ankommt: Verantwortung übernehmen, sich in Diskussionen einbringen, Entscheidungen akzeptieren, für andere mitdenken, sich selbst reflektieren, Erfolg und Konflikt als Teil gemeinsamen Handelns erleben. Und sie erfahren: Demokratie ist herausfordernd – aber machbar, wenn Strukturen, Begleitung und Räume stimmen.
Börderado wird durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ unterstützt und von der Netzwerkstelle „Schulerfolg sichern“ im Landkreis Börde gemeinsam mit engagierten Partnern konzipiert und getragen. Immer wieder entstehen neue Berufe, Themenbereiche wie Kinderrechte, Umweltschutz oder Medien, ebenso neue Standorte in der Stadt.
Kinder ernst nehmen heißt, ihnen Verantwortung zuzutrauen
Börderado ist ein pädagogisches Glanzstück, weil es den Kindern die Bühne überlässt, ohne sie im Stich zu lassen. Es ermöglicht Handeln, statt Verhalten zu bewerten, und zeigt eindrucksvoll, dass Demokratie nicht erklärt, sondern erlebt werden muss. Kinderstadt ist mehr als ein Spiel – sie ist Bildung mit Tiefgang. Die Kinder lernen, eigene Entscheidungen zu treffen, Verantwortung für andere zu übernehmen und Konflikte gemeinschaftlich zu lösen.
Gleichzeitig ist Börderado ein gemeinsamer Lernraum für Groß und Klein. Die Erwachsenen – Schulsozialarbeiter:innen und pädagogische Fachkräfte – schaffen als Team die Rahmenbedingungen, begleiten, moderieren und stellen Fragen, statt Anleitungen zu geben. So erfahren die Kinder Selbstwirksamkeit und werden ermutigt, ihre Ideen umzusetzen.