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Interview: warum psychische Gesundheit relevant für den Schulerfolg junger Menschen ist

Handlungsfelder der Schulsozialarbeit
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Expertin Nina Tucholski über die psychosoziale Versorgung an Schulen, das schulische Wohlbefinden sowie wirksame Maßnahmen im Rahmen des BiPsy-Monitors

Welche Relevanz haben die psychische Gesundheit und das schulische Wohlbefinden für die persönliche und schulische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen? Wie ist die aktuelle psychosoziale Versorgung an den Schulen anhand der Daten des Monitors Bildung und psychische Gesundheit (BiPsy) zu beschreiben und welche Maßnahmen sind essenziell, um diese zu verbessern? Diese Fragen haben wir Nina Tucholski, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Klinischen Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie der Universität Leipzig, gestellt. Sie forscht und arbeitet innerhalb des Teilprojekts des Versorgungsmonitors zu Versorgungsstrukturen an Schulen.

Warum ist die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Hinblick auf ihre persönliche und schulische Entwicklung so wichtig?
Psychische Gesundheit bedeutet, dass sich Kinder und Jugendliche emotional und sozial wohlfühlen, mit verschiedenen Herausforderungen umgehen und Beziehungen zu ihren Mitmenschen aufbauen können. Sie ist eine wichtige Voraussetzung für die persönliche Entwicklung, soziale Teilhabe und das Lernen in der Schule. Das zeigt auch ein Blick in die aktuelle Forschung: Untersuchungen deuten darauf hin, dass psychische Störungen wie Angststörungen oder Depressionen ab dem Schulalter am stärksten zunehmen und ein Großteil der psychischen Erkrankungen vor dem 25. Lebensjahr beginnt. Ohne eine angemessene Behandlung können Erkrankungen bis ins Erwachsenenalter fortbestehen und die gesellschaftliche Teilhabe bedeutend einschränken (vgl. Solmi et al., 2022). 

Psychische Belastungen haben signifikanten Einfluss auf den Schulerfolg von Kindern und Jugendlichen. Psychische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Klassenwiederholungen, Fehlzeiten und Schulabbruch. Belastungen zeigen sich oft schon früh, etwa durch Konzentrationsprobleme, Leistungsabfall, sozialen Rückzug oder häufiges Fehlen. Schule kann für junge Menschen ein großer Belastungsfaktor sein, etwa durch Leistungsdruck oder schwierige Beziehungen zu Lehrkräften und Mitschüler:innen. 

Umgekehrt kann die Schule aber auch ein Ort sein, der schützt und stabilisiert: Wenn sich Kinder und Jugendliche sicher, unterstützt und zugehörig fühlen, kann das ihre psychische Gesundheit stärken und sie können besser lernen. Deshalb sollten Bildung und psychische Gesundheit nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Der Schule kommt dabei eine Schlüsselrolle zu: Als zentrale Institution im Leben junger Menschen erreicht sie eine große Zahl von Kindern und Jugendlichen auf leicht zugänglichem Weg und kann so einen Beitrag zur Früherkennung psychischer Belastungen leisten. 

Welche Daten werden durch den „Monitor Bildung und psychische Gesundheit (BiPsy)“ erhoben und welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für die aktuelle psycho-soziale Versorgung an Schulen?
Im Kooperationsprojekt „Monitor Bildung und psychische Gesundheit (BiPsy-Monitor)“ führen wir mehrere Datenquellen zusammen. So befragen wir Psychotherapeut:innen und Schulleitungen, aber auch Schüler:innen selbst. Ein wichtiger Kern ist das Teilprojekt „Schulmonitor“, in dem Schulleitungen allgemeinbildender Schulen zu psychosozialen Bedarfen der Schüler:innen und Angeboten wie Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und Beratungslehrkräften befragt werden. Durch solche Unterstützungsstrukturen können Schulen zu einem höheren psychischen Wohlbefinden beitragen und den Zugang zu weiteren Hilfen und psychologischer Betreuung öffnen. 

Die Ergebnisse unserer Untersuchungen zeigen: Es gibt einen deutlichen und steigenden psychosozialen Unterstützungsbedarf der Schüler:innen, gleichzeitig sind die vorhandenen Angebote an vielen Schulen nicht ausreichend, um diesen Bedarf tatsächlich abzudecken. Die Versorgung hängt zudem an landesspezifischen Vorgaben und Finanzierungen, bundeseinheitliche Grundlagen fehlen. Umso wichtiger sind deshalb die Früherkennung psychischer Belastungen sowie die Vernetzung mit außerschulischen Hilfen.

Welche Zusammenhänge zwischen schulischem Wohlbefinden und psychischer Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zeigt der BiPsy-Monitor?
Schulisches Wohlbefinden bedeutet, dass sich Kinder und Jugendliche in der Schule wohlfühlen: Sie sind zufrieden und optimistisch, haben Freude am Lernen und gute Beziehungen zu Mitschüler: innen und Lehrkräften. Ein hohes Maß an schulischem Wohlbefinden hängt positiv mit der psychischen Gesundheit und dem Lern- und Leistungserfolg zusammen. Wenn sich Kinder und Jugendliche in der Schule dagegen häufig Sorgen machen, soziale Probleme oder körperliche Beschwerden haben, leidet nicht nur die Freude am Lernen, sondern oft auch die psychische Gesundheit insgesamt. 

Die BiPsy-Daten aus Befragungen von Schüler:innen der 5. und 7. Klasse an Leipziger Schulen zeigen, dass das schulische Wohlbefinden im Mittel nur leicht positiv ausgeprägt ist: Auf einer Skala von 0 bis 4 liegt der Mittelwert bei 2,39 in der fünften und bei 2,20 in der siebten Klasse – also jeweils nur knapp über dem neutralen Skalenmittelpunk. Mit zunehmender Klassenstufe nimmt das schulische Wohlbefinden tendenziell ab. Die hohe Streuung in den Daten deutet zudem darauf hin, dass sich die Einschätzungen innerhalb einer Klasse erheblich unterscheiden können.

Besonders stark ist der Zusammenhang zwischen der psychischen Gesundheit von Schüler:innen und der emotionalen Unterstützung durch Lehrkräfte. Wer sich im Unterricht wertgeschätzt und respektvoll behandelt fühlt, erlebt höheres schulisches Wohlbefinden. Auch das Vertrauen in die eigenen schulischen Fähigkeiten spielt eine zentrale Rolle: Wer sich wenig zutraut, erlebt Schule häufiger als belastend. Psychische Gesundheit lässt sich also nicht nur außerhalb der Schule fördern, sondern auch durch die Gestaltung von Beziehungen und Unterricht im Schulalltag.

Welche Maßnahmen sind besonders wirkungsvoll, um die psychosoziale Versorgung von Kindern und Jugendlichen an Schulen zu verbessern?
Verlässliche psychosoziale Strukturen wie die Schulsozialarbeit sind eine wichtige Grundlage. Da sie jedoch vielerorts nicht ausreichen, braucht es zusätzlich Maßnahmen, die auch bei knappen Ressourcen wirken. Zentral ist, dass Schulen psychische Belastungen nicht erst dann wahrnehmen, wenn sie zu einer Krise werden, sondern frühzeitig hinschauen und verlässliche Ansprechpartner zur Verfügung stellen. 

Dafür können Schulen ihre eigenen Abläufe prüfen: Sind den Lehrkräften, Schulsozialarbeiter:innen etc. typische Warnsignale psychischer Belastung wie Leistungsabfall, sozialer Rückzug oder eine niedergeschlagene Stimmung bekannt? Gibt es klare Zuständigkeiten und Informationen, wer bei ersten Frühwarnzeichen die erste Ansprechperson ist und wie es danach weitergeht? Bestehen verlässliche Kontakte zu außerschulischen Hilfen wie Jugendhilfe oder Beratungsstellen, damit Kinder und Jugendliche bei Bedarf gut weitervermittelt werden können? 

Auch die Gestaltung des Schulalltags selbst ist ein wirksamer Hebel. Wertschätzende Beziehungen, gute Klassenführung, angemessene Anforderungen und Beteiligungsmöglichkeiten stärken das schulische Wohlbefinden und damit die psychische Gesundheit. Letztlich braucht es die Bereitschaft, psychische Gesundheit im Schulalltag ernst zu nehmen und verlässliche Rahmenbedingungen, um Schulen dabei zu unterstützen. Gute psychosoziale Versorgung an Schulen entsteht dort, wo Hinsehen, Zuständigkeit und Zusammenarbeit ineinandergreifen.