Seit Anfang 2025 bringt Schulsozialarbeiterin Susann Werner-Tiedtke neuen Schwung in die Arbeit des Schülerrats. Zum ersten Mal erhält das Gremium eine kontinuierliche sozialpädagogische Begleitung. Der Schülerrat war bereits etabliert – initiiert und unterstützt von Sebastian Walther, ehemaliger Bildungskoordinator und heute Mitarbeiter für Demokratiebildung im Burgenlandkreis. Mit Details wie einer Amtsglocke und Namensschildern hatte er dem Gremium Struktur, Bedeutung und Würde verliehen.
Was bislang fehlte, waren zeitliche Kapazitäten für eine verlässliche Unterstützung durch die Schulsozialarbeit. Das änderte sich mit dem Einstieg von Susann Werner-Tiedtke und ihrem erweiterten Stundenkontingent: Sie bot sofort ihre Mitarbeit an, nahm regelmäßig an Sitzungen teil, führte eine Interessenabfrage durch und half dabei, erste Ideen in konkrete Projekte zu überführen – stets im engen Austausch mit der Schulleitung.
Mitgestaltung beginnt bei den Anliegen der Schüler:innen
Die Themen kamen direkt von den Jugendlichen: Die Schultoiletten sollen einladender gestaltet werden – ein Wohlfühlort statt bloßem Zweckraum. Auch der Wunsch nach einem Schulhund wurde geäußert. Statt in der Theorie zu bleiben, setzte der Schülerrat erste Schritte. In Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeiterin wird ein Spendenlauf geplant, um finanzielle Mittel für die zukünftige Umsetzung des Toilettenprojekts zu sammeln.
Was der Schülerrat bewirkt
Vieles hat sich seit 2025 verändert: Die Sitzungen finden nun regelmäßig statt – einmal pro Monat, im Wechsel montags und donnerstags in der 7. und 8. Stunde. So sind sie besser mit dem Stundenplan vereinbar und mehr Schüler:innen können teilnehmen. Zwar gibt es vereinzelt noch Vorbehalte im Kollegium, wenn Jugendliche dafür den Unterricht verlassen – doch die Wirkung ist spürbar:
- Anliegen werden schneller aufgegriffen
- Projekte kommen ins Rollen
- Der direkte Draht zur Schulsozialarbeit und zur Schulleitung stärkt das Vertrauen der Jugendlichen in ihre eigene Wirksamkeit
„Alles steht und fällt mit der Akzeptanz des Schulleiters“, sagt Susann Werner-Tiedtke – und bringt damit auf den Punkt, warum Beteiligung mehr als ein Lippenbekenntnis sein muss.
Was Schulen von diesem Beispiel lernen können
Das Beispiel aus Hohenmölsen zeigt: Gelebte Mitbestimmung beginnt im Schulalltag – reicht aber weit darüber hinaus. So nahmen Schüler:innen des Agricolagymnasiums unter Begleitung der Schulsozialarbeit an einer Sitzung des Zukunftsausschuss der Grundschule Hohenmölsen teil, sowie an einer von der Fachstelle „Demokratie leben!“ organisierten Jugendkonferenz und einem Demokratie-Workshop. Die Teilnahme eröffnete neue Perspektiven. Gleichzeitig wird deutlich: Wo Schüler:innen ernsthaft beteiligt werden sollen, braucht es mehr als gute Absichten – vor allem verlässliche Strukturen, engagierte Begleitung und unterstützende Netzwerke. Drei zentrale Faktoren haben sich dabei als besonders wirksam erwiesen:
- Klare Strukturen, die Verbindlichkeit schaffen: Regelmäßige Sitzungen mit transparenten Abläufen geben dem Schülerrat Stabilität und stärken das Verantwortungsgefühl.
- Präsente Ansprechpersonen, die Prozesse begleiten: Eine Schulsozialarbeit, die nicht nur moderiert, sondern Beteiligung aktiv mitgestaltet, schafft Vertrauen und Handlungsspielräume.
- Starke Netzwerke, die neue Impulse setzen: Kooperationen mit externen Partnern – wie der Fachstelle „Demokratie leben!“ – eröffnen Lernräume über den Unterricht hinaus und unterstützen die Umsetzung von Schüler:innenideen.
Wo diese Bedingungen erfüllt sind, entsteht ein Schulklima, in dem Beteiligung nicht nur möglich, sondern selbstverständlich wird.
Fazit: Beteiligung beginnt bei Haltung – nicht bei Strukturen
Am Beispiel des Agricolagymnasiums zeigt sich: Partizipation entsteht nicht allein durch Gremien oder Sitzungspläne. Sie kann potenziell dort entstehen, wo Erwachsene bereit sind, Verantwortung mit Jugendlichen zu teilen. Wo diese Haltung spürbar wird – in der Schulsozialarbeit, in der Schulleitung oder im Kollegium – entsteht ein Raum, in dem junge Menschen erfahren, dass ihre Meinung zählt und sie mitgestalten können.
Die kontinuierliche Begleitung des Schülerrats durch Susann Werner-Tiedtke ermöglicht, dass aus einem vorhandenen Gremium ein aktiver Ort der Mitgestaltung ist. Eine – vermeintlich – kleine Veränderung, nämlich mehr Zeit und verlässliche Präsenz, hat große Wirkung. Bemerkenswert ist dabei vor allem: Die Jugendlichen wurden nicht nur einbezogen, sondern gezielt gestärkt – durch Beteiligung an Veranstaltungen, durch gemeinsame Entscheidungen, durch echte Rückmeldeschleifen. Partizipation wurde nicht gelehrt, sondern erlebt. Das Vertrauen der Erwachsenen ist Voraussetzung dafür, dass sich Jugendliche einbringen können – und wollen.