Für Schulsozialarbeit, aber auch Schule sind Sorgeberechtigte unverzichtbare Partner:innen. Was aber wenn gerade diese Partnerschaft, durch einseitige Aggression, diskriminierende Aussagen oder auch antidemokratische Haltungen bestimmt wird? Wie gelingt es, auch unter solchen Voraussetzungen professionell, klar und handlungsfähig zu bleiben und vor allem zum Wohle von Kindern und Jugendlichen zu wirken? Dieser und anderen Fragen wurde in der Veranstaltung „Von engagiert bis ideologisiert – Arbeit mit Erziehungsberechtigten“, nachgegangen, die am 24. März in Halle (Saale) stattfand.
Wenn die Welt sich verändert
In welchem gesellschaftspolitischen Umfeld findet Schulsozialarbeit eigentlich statt? Diese Frage wurde in einem fachlichen Impuls zu Beginn der Veranstaltung untersucht. So empfinden Teile der Gesellschaft die Gegenwart als eine Zeit der Polykrisen: Weltwirtschaftskrise 2007/2008, Flüchtlingskrise 2015/16, Corona-Pandemie 2020 sowie Ukraine- und Irankrieg. Für sie hat sich die Gewissheit über das, was gemeinhin relevant und mit Blick auf die Zukunft sicher ist, verändert. Angesichts der Normalisierung rechtsextremer Narrative und der Ausweitung digitaler Agitationsräume, können sich so kritische Verquickungen ergeben, die zu Unzufriedenheit, Wut und der Abkehr von der Gesellschaft führen. Das verändert den Umgang in Familie, Beziehungen aber auch der Öffentlichkeit erheblich. Bei Eltern wirken diese Prozesse gleich mehrfach, da sie wesentlichen Einfluss auf die Wertebildung ihrer Kinder haben und somit auch das Miteinander in Schule beeinflussen.
Alles im Rahmen?
Weiterführend wurde im Impuls auch die Rolle der Schule im politischen Diskurs betrachtet, denn immer wird in Debatten auf das Neutralitätsgebot der Schulen verwiesen. Hieraus wird zuweilen abgeleitet, dass Schule sich zu bestimmten Inhalten oder Aussagen nicht positionieren dürfe. Dass dem nicht so ist, verrät unter anderem ein Blick ins Schulgesetz des Landes Sachsen-Anhalt. Unter Paragraf 1 „Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule“ steht in Absatz 2: „In Erfüllung dieses Auftrages ist die Schule insbesondere gehalten, […] die Schülerinnen und Schüler auf die Übernahme politischer und sozialer Verantwortung im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vorzubereiten […].“
Für den Fall antidemokratischer Strömungen und Werthaltungen bedeutet das, dass Schule nicht nur das Recht hat, sich im Sinne der demokratischen Grundordnung zu positionieren, sondern einen verbindlichen Auftrag. Und der gilt für alle an Schule tätigen Kräfte.
Gefangen im Spannungsfeld
Für Schule, insbesondere aber Schulsozialarbeit, führt das dazu, sich in der Arbeit mit Sorgeberechtigten nicht nur mit extremen Weltbildern auseinandersetzen zu müssen, sondern gleichsam auch konstruktive Gesprächs- und Handlungsebenen zu finden, die Kindern und Jugendlichen zugutekommen. Angesichts von Gleichgültigkeit oder offen zur Schau getragenen verfassungsfeindlichen Symboliken bis hin zu herabwürdigenden und menschenfeindlichen Äußerungen von Eltern gegenüber Schulsozialarbeit, eine Herausforderung die auch an die persönlichen Grenzen geht. Kein Einzelfall, wie die Schilderungen der anwesenden Schulsozialarbeiter:innen eindrücklich belegten. Gleichzeitig aber könnten ein- oder beiderseitige Verweigerung der Zusammenarbeit auch den Bindungsverlust zum Kind zur Folge haben. Schulsozialarbeit in der Zwickmühle.
Fallbesprechungen und Lösungsansätze
Wie also herangehen? Die zweite Hälfte der Veranstaltung setzte sich just mit dieser Frage auseinander. Anhand konkreter bzw. prototypischer Fälle analysierten die Schulsozialarbeitenden in Gruppenarbeit Problemlagen und entwickelten Lösungsvorschläge, die das Plenum gemeinsam diskutierte. Eine der wichtigsten Erkenntnisse dabei war, dass bestehende Konflikte vor allem durch Konsequenz und Mitwirkung des Kollegiums – hier zuvorderst der Schulleitung – aber auch durch außerschulische Unterstützungsangebote gelöst werden können.
Ein solches Angebot in handlicher Form stellten die Referierenden der „Kompetenzstelle Eltern und Rechtsextremismus (KER)“ des Miteinander e.V. vor. Ihr „Handlungsleitfaden für den Umgang mit dem Rechtsextremismus an Schulen“, ist eine Orientierungshilfe nicht nur in Konfliktfällen, sondern auch allgemein für die demokratiebildende Arbeit an Schulen. Neben Impulsen für eine nachhaltige Rechtsextremismusprävention, zeigt der Leitfaden konkrete Handlungsschritte für die unmittelbare Reaktion auf rechtsextreme Vorfälle und ist gleichsam auch eine Argumentationshilfe gegen den Mythos der „wertneutralen Schule“.
So zeigte sich am Ende dieses intensiven Tages in Halle (Saale), dass es nicht immer die großen Lösungsansätze sein müssen. Grundsätze pädagogischer Arbeit auch in Extremlagen zu verfolgen, bei sich und vor allem nicht alleine zu bleiben, kann Brücken bauen und Türen offenhalten. So bleibt man erreichbar.
Für Kinder und Jugendliche.