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Warum junge Menschen sich (Rechts-)Extremismus zuwenden

Handlungsfelder der Schulsozialarbeit
#Weiterbildung #Medienbildung

Interview mit Sally Hohnstein vom Deutschen Jugendinstitut (DJI)

Welche Motive haben junge Menschen sich dem (Rechts-)Extremismus zuzuwenden, welche Rolle spielt Digitalität dabei und welche Interventionsmöglichkeiten haben pädagogische Fachkräfte? Dazu haben wir mit Sally Hohnstein gesprochen. Sie ist wissenschaftliche Referentin im Projekt „Arbeits- und Forschungsstelle Demokratieförderung und Extremismusprävention“ am DJI in Halle (Saale). Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen u.a. qualitative Sozialforschung Rechtsextremismus und Rechtsextremismusprävention, Digitalität und Extremismus, Bearbeitung lokaler Konflikte in der Migrationsgesellschaft und aktuell das Thema extremistische Mädchen und Frauen. 

Frau Hohnstein, welche Motive bzw. welche Attraktivitätsmomente spielen bei der Hinwendung von Jugendlichen zum (Rechts-)Extremismus eine Rolle?
Jugendliche können sich aus verschiedenen Gründen zu extremistischen Angeboten hingezogen fühlen. Aus der Forschung wissen wir, dass es nicht den einen Weg gibt, der junge Menschen in politisch extreme Orientierungs- und Szenezusammenhänge führt. Aber es finden sich Hinweise auf wiederkehrende Motivlagen, die extremistische Ideologien als Weltdeutungs- und Identitätsangebot für junge Menschen attraktiv werden lassen. 

Forschungsbefunde zeigen, dass Hinwendungen zu extremistischen Weltanschauungen mit einer gewissen Akzeptanz von extremistischen Ideologiefacetten erfolgen. Antisemitische, autoritäre, sexistische oder rassistische Narrative bieten jungen Menschen einfache Welterklärungsmuster. Sie helfen ihnen, Orientierung in einer komplexen, konfliktgeprägten Welt zu finden und mit Überforderungen umzugehen. Insbesondere in frühen Hinwendungsphasen kommen allerdings auch stärker nicht-ideologische Motive zum Tragen. Hierzu zählen das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Halt in Peergruppen sowie nach Anerkennung und Aufwertung aufgrund von Marginalisierungserfahrungen oder Integrations- und Leistungsproblemen. 

Diesen setzen extremistische Narrative zum einen Gemeinschaftsangebote entgegen, vermitteln Kameradschaft und Zusammenhalt. Daneben ermöglichen Ungleichwertigkeitsideologien wie Rechtsextremismus und islamistischer Extremismus aus subjektiver Sicht Selbstaufwertung und Überlegenheit durch die Abwertung von Fremdgruppen. Des Weiteren bieten gerade extremistische Jugendszenen Erlebnisangebote, die an adoleszente Ablösungs- und Grenzerprobungsbedürfnisse anschließen. Nicht zuletzt das Wiedererstarken rechtsextremer Gewaltjugendgruppen wie „Deutsche Jugend voran“ mit ihren Verbindungen ins Hooligan- und Kraft- und Kampfsportmilieu und der szenetypischen Akzeptanz von Gewalt als Handlungsform ist ein Indikator für die Attraktivität solcher Angebote. Der Fokus dort auf Provokation und Rebellion spricht insbesondere (männliche) Jugendliche an. Die hier erprobte Hypermaskulinität und Martialität dient Jungen zugleich als leicht verständliches Identitätsangebot, das gleichsam in regressiven Ungleichheitsideologien in der idealisierten Weiblichkeit bei Mädchen sein Äquivalent findet. 

Welche Rolle spielt die Digitalität hierbei?
Zentral für Hinwendungen zum Extremismus ist die lebensweltliche Verfügbarkeit extremistischer Kontakt- und Deutungsangebote. Diese können (im klassischen Sinne) durch das politische Milieu vor Ort entstehen, z.B. weil extremistische Gruppen dort aktiv sind oder aber extremistische Positionen im Umfeld junger Menschen normalisiert sind. In unserer postdigitalen Gesellschaft, in der physische und digitale Welt sich wechselseitig durchdringen, haben jugendliche Sozialräume aber auch immer eine virtuelle Dimension.

Auf Social Media-Plattformen kommen junge Menschen zunehmend mit extremen politischen Positionen in Kontakt. Zudem sind sie aufgrund von Filterblaseneffekten sowie KI-Desinformation in ihrem Umgang mit solchen Inhalten in einem hohen Maß gefordert. Mitunter überfordert. Sie agieren in einer kaum regulierten digitalen Lebenswelt, deren Informationsstrukturen und Dynamiken schwer greifbar sind: die Algorithmen der Sozialen Medien ermöglichen zwar individualisierte, interessengeleitete Zugänge in die Datenwelt, unterliegen aber ökonomischen und politischen Interessen von Betreiberunternehmen. Und sie ermöglichen politischen, auch extremistischen Akteuren unter finanziellem Einsatz Reichweite. Hinzu kommen Bots, die Debatten polarisieren, eskalieren und extreme Positionen normalisieren. Junge Menschen können dadurch, häufig ohne sich dessen bewusst zu sein, Teil von einseitigen Informationswelten werden. Das Problem dabei: digitale Einordnungskompetenzen auch unter jungen Menschen sind nicht selbstverständlich. Sie sind u.a. bildungsabhängig, wie kürzlich eine Sonderauswertung der PISA 2022-Daten von Kastorff und Kolleg:innen zeigte. Insbesondere jugendaffine Formate von extremistischen Content Creator:innen, die extremistische Inhalte in vordergründige Lifestyle-Themen integrieren, oder digitale Communities können Einstiege junger Menschen in extremistische Milieus befördern. 

Welche Interventionsmöglichkeiten bzw. welche Strategien sollten pädagogische Fachkräfte in Betracht ziehen, um Jugendliche in extremistischen Settings zu erreichen?
Wenn sich junge Menschen extremistischen Szenen zuwenden, ist dieser Weg für sie mit Blick auf ihre gegenwärtigen Lebens- und Bedürfnislagen subjektiv plausibel. Sie in dieser Phase pädagogisch anzusprechen und zu einer Um- und Abkehr zu bewegen, ist demnach immer eine Intervention in die für sie sinnstiftende Orientierung und somit schwierig. Dennoch sollten solche Interventionen nicht unversucht bleiben. Denn: Extremistische Ideologien und gruppenbezogene Abwertungshaltungen stellen auf mehreren Ebenen eine Gefahr dar. Sie gefährden einerseits das Umfeld der Jugendlichen, weil sie Mitschüler:innen, Pädagog:innen und andere Dritte potenziell betreffen und verletzen können. Andererseits gefährden sie die Jugendlichen selbst, weil sie zu deviantem Verhalten führen und gesellschaftliche Teilhabe erschweren können. Die Arbeit mit diesen Jugendlichen ist demnach auch im Sinne des Doppelmandats Aufgabe Sozialer Arbeit. 

Wann immer also Jugendliche in ihrem Umfeld entsprechend auffallen, sei es in der Schule, im Hort oder in Jugendgruppen, sind pädagogische Haltung und Reaktion gefragt. Wichtig ist, die Jugendlichen als junge Menschen in adoleszenten Entwicklungs- und Orientierungsprozessen ernstzunehmen und zu ergründen, inwieweit extremistische Deutungs- und Gesellungsangebote an die individuellen Bedürfnisse der Jugendlichen anschließen. Bestenfalls können (sozial-)pädagogische Angebote alternative Angebote schaffen. Gleichzeitig ist es wichtig, den Jugendlichen mit einer klaren demokratischen, menschenrechtlich orientierten Haltung zu begegnen, problematische Äußerungen zurückzuweisen und eigene Standpunkte dagegenzusetzen. Das gilt besonders dann, wenn auch andere junge Menschen der Situation beiwohnen. 

Pädagogische Arbeit soll, muss und darf an dieser Stelle nicht neutral sein. Der kritisch-akzeptierende Ansatz von Franz Joseph Krafeld aus den 1990er Jahren bietet hier nach wie vor Orientierung. Unerlässlich ist zudem fachliche (Selbst-)Reflexion. Hierzu zählen neben Fortbildungen vor allem interne Austausch- und Klärungsprozesse sowie externe Unterstützungs- und Beratungsangebote wie Umfeld- oder mobile Beratungen. Sie können bei der Einordnung konkreter Fälle und bei der Entwicklung von Umgangsweisen helfen. Pädagogische Arbeit soll und muss auch hier kein Einzelkampf sein. 

Frau Hohnstein, vielen Dank für das Gespräch und die wertvollen Anregungen.

Weitere Informationen zum Thema finden Sie auf den Seiten des DJI