Wer sind wir eigentlich? Sind wir die Person, die wir sein wollen oder die Person, die wir sein sollen? Was passiert mit uns, wenn wir Ansprüchen und Vorstellungen nicht gerecht werden können, wenn Überzeugung und Klarheit Ängsten und Leere weichen? Wer sind wir dann und wo stehen wir? Und wie finden wir Wege, mit dieser Unsicherheit und Unklarheit umzugehen? Wir haben dazu mit Kristin Fabig gesprochen. Sie versucht sich mit der Kreativperformance „ZWANGST“ diesen Fragen anzunähern und Lösungen zu entdecken. Gemeinsam mit dem Musiker Alexander Hohaus sowie der Ausstatterin Sophie Lenglachner lädt sie Schüler:innen und Schulen auf eine Reise durch das Ich hin zu Austausch und Auseinandersetzung mit der eigenen, aber auch kollektiven mentalen Gesundheit ein.
Frage: Welches Motiv liegt bei ZWANGST zugrunde bzw. wie erleben Sie die Welt von Kindern und Jugendlichen auch vor dem Hintergrund von psychischen Belastungen oder auch Erkrankungen?
Wir lernen von klein auf, dass wir in unserer westlichen Gesellschaft Rechte, aber auch Pflichten haben, die unser Zusammenleben bestimmen. Wir müssen in die Schule gehen, wir müssen gute Noten haben, wir müssen wissen, was wir werden wollen, wir müssen funktionieren und wir müssen aber auch glücklich sein. Und wenn wir das nicht sind, dann stimmt etwas mit uns nicht, weil Andere schaffen es ja auch.
Solche Aussagen sind oft eigene Wünsche, die Erwachsene bewusst oder unbewusst auf Kinder und Jugendliche projizieren. Diese persönlichen Wünsche können motivieren, sie können aber auch überfordern und belasten. Der Vergleich mit Anderen schafft ein Idealbild von einer Person, die wir gern sein wollen, aber manchmal kollidiert das mit der Realität. Die Herausforderungen werden immer größer, der Druck immer stärker und dies kann in einem Gedankenstrudel aus Perspektivlosigkeit, Angst vor dem Scheitern, Angst vor der Zukunft, Angst vor der Nicht-Erfüllung der eigenen Wünsche münden. Zu den persönlichen (Identitäts-)Krisen in der Zeit der Pubertät, kommen dann oft noch familiäre, gesellschaftliche und/oder globale Krisen, wie Pandemie, Kriege, politische Unzufriedenheit, Erhöhung der Lebenshaltungskosten etc. In den vergangenen Jahren beobachten wir stetig, dass Themen wie Panikattacken und Zwangsgedanken gerade im jugendlichen Alter zunehmen.
Die Nachfrage nach Therapieplätzen ist groß, aber die Kapazitäten sind begrenzt und die Wartelisten reichen teilweise über Jahre, wenn es denn überhaupt die Möglichkeit vor Ort gibt. Dazu kommt, dass wir oft selbst gar nicht gleich merken, dass etwas nicht stimmt. Wir lernen meist nur, wie wir mit unseren körperlichen Beschwerden oder sichtbaren Verletzungen umgehen können oder wir gehen zu medizinischem Personal und lassen uns dort behandeln.
Bei mentalen Problemen hingegen fällt es vielen Menschen schwer, sie überhaupt zu erkennen, geschweige denn sie anzunehmen und dann auch zu bewältigen. Wir leben in Strukturen, die ein Funktionieren erwarten und das fängt bereits in der Schule an. Dabei ist es kaum verwunderlich, dass eine Verdrängung oft zu Frustration und Aggression oder Rückzug führen kann. Doch früher oder später führen mentale Herausforderungen auch zu körperlichen Symptomen und machen eine Auseinandersetzung mit Ihnen notwendig. Und genau das war der Grundgedanke zu ZWANGST: Sichtbar machen, wie sich eine Potenzierung von Ängsten und Zwangsgedanken äußern kann und gleichzeitig mögliche Bewältigungsstrategien aufzeigen. Auch schwere Gefühle gehören zum menschlichen Dasein dazu und wir können lernen, Ängste oder andere Emotionen anzunehmen, um uns nicht von ihnen lähmen zu lassen.
Frage: Was ist das Besondere an Zwangst? Wo und wie bietet ZWANGST andere Zugänge und Lösungen?
Das Besondere an ZWANGST ist, dass wir auf humorvolle Art ein schweres Thema sichtbar machen und mit interaktiven Momenten die Kinder und Jugendlichen schon während der Vorstellung dazu anregen, sich zu öffnen und/oder sie zum Nachdenken bringen, wo und wie sie sich vielleicht wiedererkennen, welche Ängste und Zwänge sie begleiten und was sie für sich tun können, damit es ihnen besser geht. Im anschließenden Nachgespräch dürfen sie noch einmal Fragen stellen, sei es zur Thematik und unseren persönlichen Erfahrungen mit psychischen Belastungen oder zu unserer Arbeitsweise. Uns ist ein direkter Austausch mit unserem Publikum sehr wichtig und bisher war dieser auch bei allen Vorstellungen sehr wertvoll. Wir bemühen uns bei allen Gastspielorten um lokale Kooperationspartnerschaften von Anlaufstellen für Betroffene, Familien oder sogar Aktive aus dem Bereich der Kinder- und Jugendpsychotherapie, um einen Kontakt vor Ort zu haben, an den sich die Kinder- und Jugendlichen wenden können, sollten Sie im Nachgang noch einmal das Bedürfnis haben sich intensiver zu der Thematik auszutauschen. Außerdem bieten wir auf Wunsch auch vorbereitende oder nachbereitende Theater- und Bewegungsworkshops zur Thematik ab Klassenstufe 6 an. Diese können dann in Einzelabsprachen direkt vor Ort an den jeweiligen Schulen stattfinden und zusätzlich gebucht werden.
Frage: Wie werden die Ideen und Botschaften von ZWANGST aufgenommen bzw. wie fällt das Feedback (insbesondere von Kindern und Jugendlichen) aus?
Bei den vergangenen Vorstellungen haben wir immer sehr gutes Feedback und viel Applaus bekommen. Mein Lieblingszitat eines 14-Jährigen nach einer Vorstellung: „Das war echt stabil!“ Es gab auch vereinzelte Jugendliche, die nach einer Vorstellung noch zu mir gekommen sind, um sich persönlich zu bedanken und mir gesagt haben, dass sie sich sehr gesehen fühlten oder jetzt verstanden haben, was vielleicht auch für sie manchmal belastend ist. Diese Momente sind für mich die Allerschönsten, weil das genau bestätigt, warum wir ZWANGST erschaffen haben. Es gab auch schon so manche Lehrkraft, die von ihren aktiven Jugendlichen im Nachgespräch positiv überrascht wurde. Das freut mich immer sehr, wenn sich Lehrkräfte und ihre Klassen noch einmal auf eine andere Art begegnen und neu kennenlernen können.
Weitere Informationen zum Projekt finden Sie hier.