Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen durch Corona beeinflussen gewohnte Tätigkeiten der Schulsozialarbeit empfindlich. In dieser außergewöhnlichen Situation sind neue Ideen gefragt, um Kinder und Jugendliche bestmöglich zu erreichen. Heute wollen wir in unserer Reihe #hingucker Oliver Vollert (Jugend- und Familienzentrum Sankt Georgen e.V.), Schulsozialarbeiter am Hans-Dietrich-Genscher-Gymnasium in Halle (Saale) vorstellen, der sprichwörtlich seinen Weg geht.
„Am Anfang stand für mich die Frage, was ich in dieser neuen Situation machen könnte, um den Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen aufrechtzuerhalten, ihnen trotz der geltenden Auflagen die notwendige Begleitung und Unterstützung zu bieten. Ich habe während eines Telefonates das Angebot unterbreitet, einen Spaziergang zu unternehmen, was dankend angenommen wurde. Ich hatte dieses Angebot vereinzelt auch schon vor der Schulschließung durchgeführt, aber gerade jetzt erschien es mir umso wichtiger. Zwar setzen wir auf verschiedene Kommunikationsmittel und -wege wie Messenger oder Telefon, bieten beispielsweise in einigen Fällen Videoberatung – auch mit Sorgeberechtigten – an, aber unmittelbarer, persönlicher Kontakt ist dennoch nicht zu ersetzen. Mein Träger gestattet Einzelkontakte zu Klientinnen und Klienten unter der Voraussetzung, dass sowohl die Kinder und Jugendlichen als auch die Schulsozialarbeitenden garantiert gesund sind (keine Erkältungssymptome wie Schnupfen, Husten, Fieber usw. zeigen). Dies ist vor dem Kontakttreffen telefonisch abzufragen."
Den Kopf frei bekommen, an der frischen Luft sein, raus auch aus der zunehmenden Enge in den jeweiligen Haushalten – mit seiner Idee wendet sich Oliver Vollert an sein Team, um mögliche Verbesserungsvorschläge und Hinweise einzuholen. „Austausch ist in dieser speziellen Situation besonders wichtig. Zum einen möchte ich nichts übersehen bei der Planung. Zum anderen geht es ebenso darum, alle entsprechend mitzunehmen und zu informieren.“
Nach Klärung bestehender formaler und organisatorischer Fragen richtet sich Oliver Vollert mit seiner Maßnahme, die er vor allem für die Einzelfallbetreuung sieht, an die Kinder und Jugendlichen. Und dann geht es im gebotenen Abstand los mit einer Runde durch die Straßen und Parks der Stadt. Auch wenn die Dauer der Spaziergänge differiert, im Schnitt dauern sie etwa anderthalb, teils auch drei Stunden. „Es eröffnet sich hier schlichtweg Raum, über alles zu sprechen, was die Kinder und Jugendlichen bewegt. Natürlich geht es hierbei aber auch sehr viel darum, wie die Beschränkungen während der Pandemie erlebt werden und wie sie die familiäre Situation beeinflussen“, erzählt Oliver Vollert. „Was ich in diesen Gesprächen natürlich auch versuche, ist den Kindern und Jugendlichen Tipps mitzugeben, um aufkommende Konfliktsituationen zu entspannen bzw. diese für sich zu erkennen.“
Und wie sind die Erfahrungen?
„Grundsätzlich sind die Rückmeldungen positiv. Vielfach hat das Ganze einen Katalysatoreffekt. Wiederholt wurde da schon gesagt ‚Mensch, das war einfach toll, sich mal wieder richtig zu unterhalten!‘ Und dann wurde auch schon gefragt, ob man das wiederholen könnte. Manche stellen aber auch für sich fest, dass ein Telefonat ausreichend ist. Da ist jede(r) ein bisschen anders.“
Die Erfahrungen aus den Gesprächen lässt Oliver Vollert an sein Team und seinen Träger zurückfließen, wenngleich Auswertung und Bewertung dabei eher noch kein Thema sind. „Obwohl wir die – schon im Vorfeld praktizierten – Spaziergänge derzeit nicht als offenes Angebot sehen, so erleben wir dieses Format insgesamt als eine zurzeit passende Ergänzung.“
Fernab von der erforderlichen Umstellung auf digitale Tools und Angebote, erscheint so das Beschreiten neuer, alter Wege in diesen Tagen gleichermaßen als wirksames Mittel nachhaltiger Begleitung und Unterstützung von Kindern und Jugendlichen.
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