Was brauchen Kinder und Jugendliche, damit sie ihre angeborene Freude am Lernen behalten?
Diese Frage stand im Mittelpunkt des LernLust-Tages an der Gemeinschaftsschule Rosa Luxemburg in Wittenberg. Der Projekttag markierte einen inspirierenden Auftakt für mehr Partizipation und nachhaltige Veränderung – inspiriert von der bundesweiten Initiative LernLust JETZT e.V.* und dem neu gegründeten Bildungsbündnis vor Ort im Landkreis Wittenberg. Ziel ist es, Schule gemeinsam zu gestalten und dabei alle Akteure – Lehrkräfte, Schüler:innen, Schulleitung und außerschulische Partner – einzubeziehen. Nicht fertige Lösungen stehen im Vordergrund, sondern das gemeinsame Experimentieren, Reflektieren und voneinander lernen.
Der LernLust-Tag war ein sichtbarer Ausdruck dieser Philosophie. Die Ausgangsfrage „Wie kann Schule zu einem Ort werden, an dem Lernfreude, Mitgestaltung und Gemeinschaft tatsächlich gelebt werden?“ zog sich wie ein roter Faden durch alle Angebote des Tages. Alle Schüler:innen konnten auf unterschiedlichste Weise – kreativ, diskursiv, anonym oder direkt – ihre Meinungen, Wünsche und Kritik einbringen. Ob im Gespräch mit der Schulleitung Frau Gries oder dem mitinitiierenden Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Herr Perlberg, an der Mecker-Station mit Schulentwicklungsbegleiter:innen von Visionen leben gGmbH, beim Baum der Erkenntnis mit dem Schulsozialarbeiter Herr Wartenberg, beim Ideenstapeln mit ENTER, der Beratungsstelle für junge Menschen, im Legoworkshop zum Bau von Traumschulen durch die landesweite Koordinierungsstelle Schulerfolg sichern, oder im Kopfstand-Gesprächsformat der Netzwerkstelle Schulerfolg sichern im Landkreis Wittenberg – überall standen die Perspektiven der Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt.
Erkenntnisse aus der Beteiligung: Was sich Schüler:innen wünschen
Die Ergebnisse aus den Workshops und Gesprächen zeigten deutlich, dass die Schüler:innen weit mehr als nur äußere Veränderungen im Blick haben. Im Zentrum ihrer Wünsche stehen ein besseres soziales Miteinander und eine positive Lernkultur. Viele Jugendliche wünschen sich mehr Zusammenhalt und eine stärkere Klassengemeinschaft. Sie möchten sich sicher fühlen und sich in einer Schule bewegen, in der Gewalt und Vandalismus keinen Platz haben.
Sie betonen die Bedeutung eines respektvollen und gerechten Umgangs – sowohl untereinander als auch im Verhältnis zu den Lehrkräften. Ein häufig geäußerter Wunsch ist mehr Transparenz und Fairness in der Bewertung. Die Schüler:innen wünschen sich klare, nachvollziehbare Regeln, eine bessere Organisation des Schulalltags und mehr Verbindlichkeit bei Absprachen. Ebenso wichtig ist ihnen die Möglichkeit, aktiv an ihrer Notenentwicklung mitzuwirken und Chancen zur Verbesserung ihrer Leistungen zu erhalten.
Ein spannender Aspekt, der im Rahmen des LernLust-Tages diskutiert wurde, war die Idee, Lernen als Verantwortung aller zu verstehen. So wurden Möglichkeiten besprochen, wie ältere Schüler:innen gemeinsam mit Jüngeren Projekte durchführen und ihnen beim Lernen helfen können.
Darüber hinaus wurde der Wunsch nach einer freundlicheren und inspirierenderen Lernumgebung laut: mehr Farbe statt Grau, mehr Pflanzen, mehr Räume zum Wohlfühlen und Rückzug – all das wurde als Beitrag zu einer positiven Schulatmosphäre genannt. Auch eine bessere technische Ausstattung wurde vielfach angesprochen, um das Lernen zeitgemäß und interessant zu gestalten.
All diese Wünsche und Bedürfnisse stehen in engem Zusammenhang: Sie machen deutlich, dass die Lernenden nicht nur gehört werden wollen, sondern aktiv an der Gestaltung ihrer Schule mitwirken möchten. Sie wünschen sich eine Umgebung, in der Gemeinschaft, Gerechtigkeit, Transparenz und Mitbestimmung selbstverständlich sind – als Grundlage für echte Lernfreude und persönliche Entwicklung.
Von der Idee zum Alltag: Gelebte Beteiligungskultur
Die Erkenntnisse und Ergebnisse des LernLust-Tages sollen nicht verpuffen. Über die Sommerferien werden sie gebündelt und an die Fachschaften weitergegeben, damit sie bereits bei der Planung des kommenden Schuljahres berücksichtigt werden. So wird sichergestellt, dass die Stimmen der Schüler:innen auch langfristig in die Weiterentwicklung von Unterricht, Ausstattung und Schulleben einfließen.
Die Gemeinschaftsschule Rosa Luxemburg bringt für diesen Wandel bereits wertvolle Erfahrungen mit. Partizipation ist hier kein leeres Versprechen, sondern gelebte Praxis. Schon in der Vergangenheit konnten Schüler:innen ihre Wünsche und Bedarfe äußern – und erleben, dass daraus konkrete Veränderungen entstehen. Ein Beispiel ist der Wunsch nach einem Snackautomaten: Nachdem dieser mehrfach geäußert wurde, setzte die Schule gemeinsam mit den Jugendlichen eine Recherche- und Finanzierungsphase in Gang. Nur wenige Monate später wurde der Automat aufgestellt und wird heute von der eigenen Schülerfirma betrieben. Dieses Beispiel zeigt, wie ernst die Schule die Anliegen ihrer Schülerschaft nimmt und wie aus Ideen gelebte Realität wird.
Perspektive: Startchancen-Programm und nachhaltige Entwicklung
Mit dem Einstieg in das Startchancen-Programm ab August 2025 eröffnen sich für die Gemeinschaftsschule Rosa Luxemburg zusätzliche Möglichkeiten. Die Schulleitung erhofft sich, durch die finanziellen Mittel nachhaltige Veränderungsprozesse in Gang setzen zu können – pädagogisch, räumlich und in der Ausstattung. Die Impulse aus dem LernLust-Tag und die Erfahrungen aus der bisherigen Beteiligungskultur bilden dafür eine solide Grundlage. Das Ziel bleibt klar: Die Bedürfnisse der Schüler:innen stehen künftig weiterhin im Zentrum aller Entwicklungen. Der LernLust-Tag war erst der Anfang. Gemeinsam kann Schule zu einem Ort werden, an dem alle wachsen, sich entfalten und mitgestalten können.
Gemeinsam Schule gestalten: Einladung zur Mitwirkung
Das neue Bildungsbündnis in Wittenberg versteht sich als offener Raum für alle, die Schule verändern und neue Wege gehen wollen. Interessierte Schulen im Landkreis sowie weitere engagierte Akteure können sich hierzu gerne an die Mitglieder direkt oder lernlust.wittenberg(at)gmx.de wenden.
*Die Initiative LernLust JETZT e.V. steht laut eigenen Aussagen für einen systemnahen Wandel im deutschen Bildungssystem. Ihr Ziel ist es, die Freude am Lernen zurückzubringen und Bildung als gemeinschaftlichen, lebendigen Prozess zu gestalten. LernLust JETZT e.V. agiert als Plattform, Impulsgeberin und Wegbegleiterin, die Menschen, Ideen und Perspektiven zusammenbringt, um tragfähige Lösungen für die Herausforderungen vor Ort zu entwickeln. Dabei orientiert sich die Initiative am OECD-Lernkompass 2030 und der UNESCO-Bildungsagenda 2030 und setzt auf lokale Bündnisse, die gemeinsam mit Schulen, Eltern, Verwaltung und Zivilgesellschaft Schule neu denken.